Die Explosion des Wissens. Von der Encyclopédie bis Wikipedia – Peter Burke #books

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Peter Burkes
Peter_BurkeNur ein Medienhistoriker vom Format Peter Burkes versteht es, den grundlegenden Umbruch unserer Wissens- und Informationsgesellschaft im Ganzen zu überblicken und im Detail zu erklären. Seine umfassende Wissensgeschichte ist singulär auf dem Buchmarkt – und höchst aktuell.
Quelle: Verlag Klaus Wagenbach
Bildquelle: „Peter Burke“ von Seighean (talk) – Eigenes Werk. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons.

Vom Wort zum Wissen

Wie kommen die Ideen in unserem Kopf in den Kopf eines anderen Menschen? Über die Sprache!
Aber die Kulturtechnik Sprache vermag noch viel mehr! Und damit sie das viel mehr tun kann, müssen die Grundlagen der Sprache beherrscht werden. Wenn man nicht weiß, wo die Buchstaben im Wort hingehören, kann eine SMS zur Herausforderung werden (vgl. Crystal (2015). S. 237ff). Das gilt besonders für die EmpfängerIn, denn sie muss Buchstaben/Symbole dechiffrieren und für sich ins Verstehen setzen.

Tun sich bei der kurzen Textform SMS Interpretationsspielräume und schwarze Stellen des Nichtverstehens auf, um wieviel größer müssen diese sein, wenn wir über eine Darstellung der Geschichte des Wissens nachdenken? Der Kultur- und Medienhistoriker Peter Burke hat sich unter der Wegweisung „Von der Encyclopédie bis Wikipedia“ aufgemacht, einen solchen Erklärungsversuch zu wagen. Ausgehend vom 18. Jahrhundert bis 2001 zeichnet er ein Entwicklungsbild unserer heutigen Wissens- und Informationsgesellschaft.

Das kann gelingen, muss aber nicht! Und: Warum sollte dem Solisten Burke gelingen, was den Encyclopédisten um Diderot d’Alembert und Rousseau, nicht gelang?

Burke stellt sich Fragen wie „Was wissen wir, was weiß man über uns, und wie können wir die Hoheit über dieses Wissen behalten oder zurückerlangen? Wieso bemühen wir heute, wenn wir etwas wissen wollen, eine Suchmaschine? Warum werden wir zu »Informationsgiganten«, laufen aber Gefahr, zu »Wissenszwergen« zu verkommen? Welche Folgen hat die McDonaldisierung des Wissens?“

Bei der Beantwortung der Fragen gelingt – und darum ist dieses Buch so wichtig für jeden, der sich in der Wissens- und Informationsgesellschaft bewegt oder gar ein Studium aufgenommen hat –, eine strukturierte und Orientierung bietende Darstellung des Wissensbegriffs, im Besonderen des Wissenserwerbes. „Wissenspraktiken“ nennt Burke dies und beschreibt die Schritte des Sammelns, des Analysierens, des Verbreitens und der Anwendung von Wissen. Das liest sich wie eine Einführung in das wissenschaftliche Arbeiten, nur dass Burke die LeserIn teilhaben lässt an der Wissensproduktion und -transformation über die Jahrhunderte hinweg. Darüber hinaus lernt die Leserin eine Menge sowohl über die Bedingtheit des Wissens als über die spezielle Handhabung des akademischen Wissens der westlichen Welt.

Burke formuliert in seiner Betrachtung der Entwicklung akademisierten Wissens durchaus kulturpessimistische Allgemeinplätze wie z.B. der Informationsgesellschaft komme das Wissen abhanden oder „Das vermehrte Aufkommen von E-Mails und Textnachrichten hat dazu beigetragen, einen seit längerem bestehenden Trend der Hybridisierung zu verstärken und das Schreiben der umgangssprachlichen Ausdrucksform anzunähern.“, nichts desto trotz liest sich sein als Essay angekündigtes Werk wie ein Lexikon, das ordnet, chronologisiert und erklärt.

Es bietet sich an, die Geschichte des Wissens auf einem Tablet zu lesen, dann würden die über achthundert Personennamen und Fachbegriffe wie kleine Wegweiser und Verführer in das virtuelle Wissensnetz führen – und über den Begriff des „armchair historian“ (Caspar Hirschi in NZZ vom 8.10.2014) müsste neu diskutiert werden.

Jetzt heißt es lesen!

Explosion des Wissens ©Verlag Klaus WagenbachPeter Burke
Die Explosion des Wissens
ISBN 978-3-8031-3651-0
392 Seiten. Gebunden mit Schutzumschlag. Großformat
29,90 €

Quelle/Bild: Verlag Klaus Wagenbach

Diese Buchrezension ist von Heike Strumpen (Department für E-Governance in Wirtschaft und Verwaltung: Lehrgangsleiterin und Qualitätssicherung). Die Auswahl des Buches erfolgte nach eigenem Interesse.

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