Die schöne neue Welt der Daten (BRZ-Fachtagung 2014).

Big Data, Datability und Predictive Analytics waren einige der Schlagworte, die am 4.11.2014 bei der diesjährigen BRZ-Fachtagung diskutiert wurden. Neben Daten als Ressource für Wirtschaft und Gesellschaft wurden Fragestellungen rund um Datenschutz, Gefahren und Risiken behandelt. Öffentliche Verwaltung, Wirtschaft und Wissenschaft müssen bei dieser komplexen Thematik kooperativ und interdisziplinär zusammenarbeiten. Die Verwaltung will die Daten der BürgerInnen schützen, aber auch sinnvoll nutzen, und die Anforderungen an einen modernen Staat und an dessen Services sind einer Veränderung unterworfen. Ein Schwerpunkt in diesem Zusammenhang war die Rolle der Register in Zeiten von Big Data, zu dem auch ein Round Table-Gespräch unter Leitung von Dr. Peter Parycek, Leiter des Zentrums für E-Governance der Donau-Universität Krems, stattfand. In der Folge eine kurze Zusammenfassung der Keynotes, des Workshops sowie der nachfolgenden Diskussion der Fachtagung.big data realität

Der Blick in die Zukunft datenorientierter Lösungen in der Verwaltung stand im Mittelpunkt der Keynotes – also die Frage, welche Bedeutung Big Data zukünftig im Kontext der Verwaltung spielen wird.

Eröffnung

Dipl.Ing. Roland Jabkowski, Geschäftsführer BRZ

Der Datenstrom des Internets verlagert sich immer mehr auf mobile Endgeräte. Daher wird sich laut Jabkowski mobiles Datenaufkommen in den nächsten vier Jahren verzehnfachen. Weniger als 1 % dieser Daten werden aber tatsächlich ausgewertet, und die Anwendungsmöglichkeiten sind längst nicht ausgereizt. Hier geht es um Gefahren und Risiken für das Individuum, aber auch um Manipulation, Datendiebstahl sowie Grundsätze der Freiheit. Die Nutzung vorhandener Daten bietet für die öffentliche Verwaltung Chancen, beispielsweise bei periodischen Analysen zum Arbeitsmarkt. Die Einsatzmöglichkeiten reichen vom Kampf gegen Wettbetrug im Fußball über den Kampf gegen Terrorismus bis zum Schutz von kritischer Infrastruktur. Ein weiteres genanntes Beispiel war der Anschlag auf den Boston-Marathon – einer der meist dokumentiertesten, aber auch kompliziertesten Tatorte: Das FBI bat in diesem Fall die Bevölkerung darum, alle Smartphone-Aufnahmen zur Verfügung zu stellen, woraufhin die Täter identifiziert wurden. Trotzdem sind alle Terrorakte der Jahre 2010-2013, wie das Publikumsquiz zu Datenmengen zeigte, auf traditionelle Polizeiarbeit zurückzuführen.

Keynotes

Data Science & Predictive Analytics in der öffentlichen Verwaltung, Ao.Univ.Prof. Dr. Marcus Hudec, Fakultät für Informatik, Universität Wien

Hudec verweist auf die „4 Vs“ von Big Data: volume/Ausmaß, velocity/Geschwindigkeit (real time applications), Vielfalt (variety, also die unterschiedlichen Formate, in der Daten vorliegen), und Wahrhaftigkeit (verecity). Ein neues Wissenschaftsparadigma ergibt sich dadurch, dass Daten heute einfacher verfügbar sind – we are „drowning in information, longing for knowledge“ (Naisbitt, John). Die zentrale Herausforderung ist es daher, aus diesen Datenmengen Informationen zu gewinnen. Einen Mehrwert generieren heißt: bessere Entscheidungen auf Basis von aus Daten extrahiertem Wissen zu fällen („From Big Data to Actionable Intelligence“). Datenwissenschaft ist in erster Linie hochgradig interdisziplinär, orientiert sich an realen Fragestellungen und funktioniert nur im Team. Für den Bereich der öffentlichen Verwaltung ist der Predictive Analytics-Bereich besonders interessant. Der Trend um Big Data muss aber kritisch betrachtet werden, da sich nicht immer genaue Ergebnisse erzielen lassen, und manche Vorhersagen nach einer Zeit auch nicht mehr stimmen können – Korrelationen sind also nicht immer Kausalitäten. Big Data hat das Potential, die Art und Weise, wie wir leben, zu verändern, muss aber auf eine Theorie gestützt sein. Denn zukünftige Entscheidungen werden immer weniger auf Basis von Erfahrung als auf Daten- und analysegestützten Modellen getroffen.

Management im Zeitalter von Big Data, Mag. Wolfgang Ebner, Stv. Sektionsleiter, Bundesministerium für Finanzen

Aus der Sicht des Managements von großen Daten der Finanzverwaltung bedeutet Big Data, dass Daten durch menschliche Analyse nicht mehr erfassbar sind. Ebner nimmt eine andere Perspektive ein, wenn er zu Bedenken gibt, ob bei Big Data Quantität vor Qualität steht. Auch der rechtliche Rahmen sei noch nicht gegeben, und die Zusammenführung von Daten aus verschiedenen Quellen wirft rechtliche Fragestellung auf, die rechtliche Vorkehrungen verlangt.

Daten, Verwaltung und Vernetzung: Chancen und Risiken, Mag. Ulrike Huemer, CIO der Stadt Wien

Aus der Sicht der Stadt Wien nahm Huemer eine Bürgerperspektive ein. Sie sieht Big Data als Juwel, das man schützen und für besondere Anlässe verwenden sollte. Durch die bisherigen Aktivitäten der wirtschaftlichen Größen (Amazon, Facebook, Google…) sei das Vertrauen in bestimmte Technologien jedoch gesunken, und die Vorbehalte gegenüber der öffentlichen Verwaltung seien größer geworden. Es geht aber nicht nur um eine Öffnung der Daten, sondern auch deren Vernetzung. Huemer spricht sich für Open Data, Kollaboration sowie einen modernen Datenschutz aus. Der Komplexität des Themas kann mit Information begegnet werden. Große Chancen ergeben sich auch im Kontext der „Smart City“. Um die Version der serviceorientierten Verwaltung umzusetzen, muss jedoch zuerst das Vertrauen der BürgerInnen wieder gestärkt werden.

Round-Table-Gespräche

Die Round-Table-Gespräche behandelten folgende Aspekte: Management im Zeitalter von Big Data, Chancen und Grenzen der Datenvernetzung sowie Datenschutz und Datensicherheit im Kontext von Big Data. Vor den Round-Table-Gesprächen ging es in verschiedenen BRZ-Showcases um Themen wie das Data-Warehouse „Steuer“, Balance Scorecard und Multidimensionale Datenanalyse, Predictive Analysis und Text Mining (mit dem IBM SPSS Modeler).

Die Rolle von Registern in Zeiten von Big Data, Dr. Peter Parycek, Zentrum für E-Governance, Donau-Universität Krems

Wie Register auswerten, wie vernetzen, welche rechtlichen und ethischen Grenzen zeigen sich? Die TeilnehmerInnen des Workshops reichten von Mitarbeitern des Ministeriums, über Forschungseinrichtungen, der Stadt Wien, des BRZs sowie der Bundesagentur des Bundes. Dr. Parycek gab einen Input zu Registern und betonte, dass sich die Begriffe für Datenanalysen immer wieder geändert haben, wobei die Neuigkeit in größeren Datenmengen, die in Echtzeit gesammelt werden, besteht. Register und Big Data passen auf den ersten Blick nicht zusammen, weil im Fall der Register 3 Vs der 4 Vs (als Prinzipien von Big Data) nicht zutreffen. Die Datenmengen sind gering, sie liegen nicht in Echtzeit vor und sie sind hochstrukturiert. Neue Ergebnisse können sich zeigen, wenn bspw. hochstrukturierte Daten wie die der Register mit unstrukturierten Echtzeitdaten aus unterschiedlichen Datenquellen außerhalb der Verwaltung kombiniert werden. Die Frage des Einsatzes ist abhängig von der fachpolitischen Fragestellung im Politik-Zyklus. Diverse Staaten wie Singapur zeigen, dass Risiken frühzeitig erkannt werden können und somit wertvolle Zeit für geeignete Maßnahmen gewonnen wird, die bspw. einen Einbruch im Wirtschaftswachstum verhindern können.

Die TeilnehmerInnen brachten ein, dass bei Registern die Frage nach dem Mehrwert für BürgerInnen relevant ist. Auch sei zuerst ein guter Überblick nötig: Welche Daten gibt es in Österreich? Oftmals ist es auch nicht notwendig, Daten neu zu erheben, sondern durch Referenzierung eine bessere Qualität zu gewinnen. Beim Stichwort Metadatenstrukturen ist Open Data ein erster Ansatz für die Metadatenklassifizierung und Weitergabe. In Bezug auf Qualität und Optimierung könne Big Data ein Ansatz sein. Fraglich ist auch, wieweit die Verantwortung der Verwaltung im Hinblick auf Datenveredelungen zu sehen ist.

Die Aufgabe der Justiz ist es, Rechtssicherheit herzustellen, und Open Data heißt in diesem Fall nicht, dass es gratis sein muss, da die Pflege der Daten aufwendig ist: es handelt sich hier nicht um Daten für jedermann/-frau, sondern für spezifische Rechtsbereiche. Künftig würde auch das Thema Videoaufzeichnungen im Gericht ein Thema werden. Auch Daten wie die im Grundbuch sind grundsätzlich öffentlich, aber die Namensabfrage von Gesetzes wegen auf öffentliches Interesse beschränkt. Bei Open Data könnte aber jedeR beliebige Datenbanken aufbauen, dieser Schutz würde dann nicht mehr greifen. Deutschland löst dies anders: hier gibt es nur eine Grundbuchabfrage mit rechtlichem Interesse.

Im Zuge der Herausforderung der Kombination von Daten wurden existierende Anonymisierungsverfahren besprochen, beispielsweise das bPK, den Rückschlüsse auf Personen verhindert. Eine zukünftige Forschungsfrage wäre, welche Sicherheitselemente noch notwendig sind, um keine Rückschlüsse in diesem Sinne ziehen zu können. Es brauche außerdem einen strukturierten Diskurs über Big Data, um nicht zwischen Datenschutz und rechtlicher Problematik „hin und herzuschwanken“. Auch die Bürgerorientierung wurde diskutiert sowie eine mögliche Reduktion des bPK auf Kernbereiche angesprochen.

Podiumsdiskussion & Ausblick

Die Zukunft datenorientierter Lösungen in der öffentlichen Verwaltung

TeilnehmerInnen:
Ao.Univ.Prof. Dr. Marcus Hudec, Fakultät für Informatik, Universität Wien
Mag. Wolfgang Ebner, Stv. Leiter IT-Sektion, BMF
Mag. Ulrike Huemer, CIO der Stadt Wien
Mag. Dr. Peter Parycek, Zentrum für E-Governance, Donau-Universität Krems
Dipl.-Ing. Günter Stessl, Information Management, BRZ

Moderation:
Mag. Gerhard Köhlediskussion01

Die Round Table-Gespräche diskutierten die Frage nach einer Datenpolicy für Österreich: Wie gehen wir also damit um, dass Daten der Verwaltung über alle föderalen Ebenen hinweg detaillierter verknüpfbar werden, und welche rechtlichen Rahmenbedingungen müssen dafür geschaffen werden? Einig war man sich: Big Data ist nur sinnvoll, wenn sinnvolle Verknüpfungen möglich sind. Anzustreben sind daher keine Bereichsstrategien, sondern eine gesamtheitliche Strategie und Vision. Laut Hudec sind neue Studienrichtungen mit Praktika in der Wirtschaft, Forschung und Verwaltung geplant. Eine hypothesenfreie Herangehensweise heißt nicht, dass Daten gesammelt werden, sondern interdisziplinär danach zu fragen, was diese Daten bedeuten. Parycek betonte den Kulturwandel innerhalb der Verwaltung: Traditionelle Verwaltungsarbeit hatte eine klare Grenze zur Zivilgesellschaft, was sich jetzt zu verändern beginnt. Wie schaffe ich es, mich in meinen Prozessketten an bestimmten Stellen zu öffnen, um externe Ressourcen für effektiveres Verwaltungshandeln nutzbar zu machen? Hier stehen wir lt. Parycek erst am Anfang einer Entwicklung. Die Wissenschaft sei besonders gefordert, vorhandene Daten noch viel stärker in den eigenen Betrieb einzubauen. Ihre Chance ist es, dass die Ergebnisse unmittelbar für strategische Planungen herangezogen werden können.

Für Stessl findet sich die Zukunft von Big Data und IT generell in datengetriebenen Anwendungsbereichen. Die Vorteile der strukturierten Datenbereiche (Registerlandschaft) sollten strategisch genutzt werden und mit Big Data-Analysen verknüpft werden, um bessere Entscheidungen zu treffen. Betont wurden die Chancen von Big Data, im Interesse der BürgerInnen zu agieren. Huemer sieht nur die Gefahr, dass diese Chance nicht genützt wird, da nicht das dafür notwendige Bewusstsein geschaffen würde. Hudec sieht die Vision einer vernetzten Verwaltung, die in real time auf Daten basierend Vorschläge generieren kann. Nicht vergessen sollte man jedoch: Big Data erstellt jedoch keine 100%ige Prognose, sondern operiert mit Wahrscheinlichkeiten (basierend auf Algorithmen).

Das Programm der Fachtagung ist unter diesem Link als PDF-Datei einzusehen: BRZ-Fachtagung 2014.

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