Der digital entmündigte Mensch

Podiumsdiskussion zum Thema „Der digital entmündigte Mensch“ bei der Waldviertler Sommerakademie 2012

Univ.-Prof. Dr. Rainer M. Köppl, Institut für Theater-, Film und Medienwissenschaft, Universität Wien: Freud on Facebook. Die vierte Kränkung oder Warum es uns immer wieder vor den Bildschirm zieht

Rainer Köppl startet mit einer aktuellen Studie aus Deutschland über das Freizeitverhalten der Deutschen – zentrale Fragestellung: Was machen die Deutschen am liebsten in ihrer Freizeit? Ergebnis wenig überraschend: Klare Nummer eins Fernsehkonsum, gefolgt von „Zeitung und Magazine lesen“ und an dritter Stelle findet sich das „Surfen im Internet“.

Die erste Kränkung nach Freud ist unsere Selbstliebe, wir müssen immer wieder feststellen, dass sich die Welt nicht um uns dreht. Die zweite Kränkung, dass wir uns eingestehen müssen, dass wir vom Affen abstammen. Die dritte Kränkung, dass wir nicht eigener Herr in unserem Haus Gehirn sind, weil wir vom Unbewussten gesteuert werden. Die vierte Kränkung nach Köppl ist eine semiotische Kränkung – eine zeichenhafte Kränkung. Die Sprache zwingt uns ein System auf, welches wir nicht mehr kontrollieren können. Wir sind gekränkt weil wir überfordert sind mit den „neuen“ Medien. Wir haben komplexe analoge und digitale Zeichensysteme entwickelt (Sprache, Schrift, Film, TV, Internet), die sich von uns abgelöst und sich selbständig gemacht haben. Diese semiotischen Systeme haben die Herrschaft über uns übernommen und verstellen als künstliche Paradiese den Blick auf das Natürliche: wir haben keine Freunde in unserem Wohnhaus, aber 10.000 Freunde auf Facebook, wir backen keine Geburtstagstorten sondern schicken digitale Glückwunschkarten, wir fallen unseren Familienmitgliedern nicht mehr um den Hals, sondern schicken „digital hugs“, virtuelle Umarmungen. Medien zerstückeln, reduzieren und es fehlt ihnen die direkte reale emotionale Erfahrung – wir sind gefangen in einer Einwegkommunikation.
Medienkritik ist nichts neues sie ist 2500 Jahre alt und findet sich erstmals bei Sokrates, der die gerade erfundene Schrift kritisierte und einen damit einhergehenden Gedächtnisverlust damit befürchtete. Die Argumente der Medienkritik sind alt und kommen in leicht angewandelter Form mit jeder neuen Medienerfindung wieder. Medien machen uns „blöd“, verbieten uns den Mund, machen uns dick, gewalttätig und asozial. Der Fernseher ist die Droge im Wohnzimmer, jetzt ist der PC im Kinderzimmer die Einstiegsdroge zur Internetsucht und vor dem Stummfilmvorerzähler mussten auch die Kinder geschützt werden.
Die Medien, die wir nicht mehr kontrollieren können, erscheinen der Medienkritik seit jeher als „Ausgeburt der Hölle“, wie Goethes Zauberlehrling entsetzt ausruft, als er einen Besen in einen störrischen Knecht verwandelt hat, der ohne Unterlass Wasser anschleppt, bis das ganze Haus zu „ersaufen“ droht. Zauberlehrling hat den Zauberspruch (Passwort) vergessen und quasi bilderstürmerisch zerhackt der Zauberlehrling in seiner Verzweiflung den Besen und potenziert damit das Problem. Bei Goethe gibt es jedoch noch den „alten Meister“, das ÜBER-ICH, das den Geisterbesen in die Schranken weist, aber wie ist – abgesehen von radikal-fundamentalistischen Konzepten – ein Meister vorstellbar, der uns vor dem  Internet in Schutz nehmen könnte? Wir können heute nicht mehr den Stecker ziehen, zu viele positive Elemente sind damit verbunden.

Obwohl wir  durch unser medienkritisches ÜBER-ICH – von Sokrates  bis Manfred Spitzer –  wissen, dass es für uns als Individuen und als Gesellschaft nicht gut sein kann, Tag und Nacht vor dem Computer zu hocken, zieht „ES“ uns doch immer wieder vor die Bildschirme, wo uns scheinbar nichts anderes überbleibt als den Willen des ES per Mausklick  umzusetzen. Die Grundlage für die semiotische Kränkung liegt offenbar in unserem Triebsystem, daher müssen wir auch dort den Schlüssel zur Befreiung suchen, Kräfte, die es uns ermöglichen könnten, uns aus der Macht der Medien zu befreien und Herren im eigenen Haus zu werden.

Aber wozu nutzen wir das „Internet“ das wir eben nicht mehr abschalten können? Rainer Köppl hat sich auf die Suche gemacht mit folgenden Ergebnissen: „Thomas Bernhard“ liegt vor Elfriede Jelinek aber beide haben gemeinsam keine Chance gegen das „Wiener Schnitzel“.  Aber selbst das Schnitzel unterliegt klar der Rapid Wien. Aber alle gemeinsam unterliegen sie selbst wenn sie sich verbünden dem „Sex“.

Am häufigsten wurde 2012 bisher gesucht nach „2012“ in Kombination mit „Fußballweltmeisterschaft“, Ostern, Kalender, Kollektivvertrag 2012, Leo, Baby (allerdings in Kombination mit „hot“), Horoskop, Hochzeit, Sternzeichen. Wir sind nach seiner Einschätzung daher digital entmündigt, aber nicht im politischen Sinn, sondern durch unsere digitale Geschwätzigkeit und digitale Aggression. Das Internet ist das Reich des ES. Internet bildet uns ab und da müssen offensichtlich zuerst gewisse Grundtriebe befriedigt, um dann Zeit und Energie zu haben sozial wertstiftendes zu leisten, wie beispielsweise Freiwilligenarbeit in Wikipedia.

Jede Kritik am Internet bringt allerdings nichts, weil es nichts ändert. Mit Vernunft richten wir im Netz des „ES“ nichts aus.

Mag. Eva Horvatic, Universitätsassistentin,  Abteilung Bildung, Biographie und Medien am Institut für Bildungswissenschaft der Fakultät für Philosophie und Bildungswissenschaft, Universität Wien: Der digital entmündigte Mensch

„Alle modernen Gedächtnistheorien gehen auf jene von Maurice Halbwachs zurück, der vor fast 80 Jahren eine Gedächtnistheorie mit der zentralen These entwickelte, das menschliche Gedächtnis habe neben einer neuronalen auch eine soziale Basis. Für Halbwachs entsteht das Kollektive im Menschen nicht als biologische Einschreibung durch Vererbung sondern durch Kommunikation: Der Mensch ist ein Wesen, das mit anderen Individuen in einem sozialen Kontext eingebunden lebt. Nur im Umgang mit anderen entwickelt sich sein Gedächtnis. Hierbei kommt der Sprache als dem wichtigsten Medium für das Erinnern zentrale Bedeutung zu. Durch Kommunikation in der Gruppe werden Erinnerungen lebendig. Der Mensch nimmt gleichsam teil am sogenannten kollektiven Gedächtnis. So lernen Kleinkinder über die Austauschprozesse in der Gruppe, dass es Vergangenheit, ein Jetzt und Zukunft gibt.

Betrachtet man nun den Einfluss des Computers und des Internet auf das menschliche Gedächtnis, stellt man fest, dass wohl kaum eine andere technologische Innovation mit diesen beiden Technologien hinsichtlich der Auswirkungen auf das menschliche Gedächtnis vergleichbar ist. Diese beiden neuen Leitmedien verändern die gesamte menschliche Wahrnehmung und unser Denken. Dass sich dies nicht nur oberflächlich vollzieht, sondern sogar Veränderungen im Substrat menschlicher Körper nach sich zieht, ist nur ein Faktor, der diese Medien in besonderer Hinsicht charakterisiert. Es geht nicht mehr bloß um den Transport von Information, es kommt zu einer Transformation. Der Einfluss, den IT auf unser kommunikatives und kulturelles Gedächtnis hat, unsere kulturelle Identität, unsere Wissensbestände, werden in einem Maß verändert, welches sich nicht absehen oder auch nur im Geringsten voraussagen lässt.

Gedächtnis basiert auf  drei zentralen Hirnleistungen, dem Merken, dem Erinnern und dem Vergessen. Das Vergessen kann nicht nachvollzogen werden bzw. kann der Mensch nicht bewusst steuern. Wir können nicht absichtlich etwas vergessen, wir können nur verdrängen. Das Gehirnmodell ist daher nicht auf die Maschine 1:1 abbildbar. Unser Gedächtnis funktioniert anders, wir können wie bereits ausgeführt nicht bewusst vergessen und wir können auch nur eingeschränkt Informationen abrufen, oft ist die Erinnerung bzw. die Fähigkeit sich zu erinnern von emotionalen Rahmenbedingungen  abhängig.

Der Mensch schreibt seine Lebensgeschichte ständig nach den Erfordernissen der Gegenwart um. Vergangenheit ist eine Konstruktion, die der Mensch in der Gegenwart vornimmt. Oft denken wir, wir haben etwas erlebt, was wir aber tatsächlich in einem Film gesehen oder von einem Freund erzählt bekommen haben. Gedächtnis generiert sich aus unterschiedlichen Eindrücken eine „eigene“ Geschichte ohne dabei bewusst zu lügen; sondern es handelt sich um eine unbewusste Adaption und Aneignung von Inhalte. Das  digitale oder analoge Speichern kann daher nicht mit dem Merken des Gedächtnis vergleichen werden.

Diese Diskrepanz zwischen Gedächtnis und Medien gibt seit der Erfindung von Schrift. Bis zu diesem Zeitpunkt wurde Wissen ausschließlich mündlich von Generation zu Generation übertragen. Sokrates sorgte sich mit der Erfindung der Schrift um unsere Gedächtnisleistung, er empfahl seinen Schülern, dass sie sich nichts aufschreiben sollen, weil sie damit ihr Gedächtnis verlieren würden. [Randnotiz: Sokrates sah sich nicht als Lehrer sondern als Hebamme] Plato hat sich wie wir  wissen nicht daran gehalten und ihn durch seine Aufzeichnungen unsterblich gemacht. Das größere Problem des schriftlichen tradieren ist aber, dass jedes Medium einen Kontextverlust in sich trägt und je nach Medium in seiner eigenen Weise abbildet. Unsere Informationsweitergabe passt sich dem jeweiligen Medium an – jedes Medium hat seine eigene Struktur, die ermöglicht aber auch beschränkt.

Medien unabhängig davon ob analog oder digital können daher nicht speichern wie dies unser Gedächtnis dies vornimmt. Ähnliches gilt wie gesagt auch für das Erinnern und Vergessen: Weder kann ein Sachverhalt 1:1 abgebildet, also im Gedächtnis gespeichert, noch kann er 1:1 erinnert oder zum spur- und wirkungslosen Verschwinden gebracht werden. Durch den Einsatz von Computern und Internet aber wird eine „Scheinrealität“ vorgegaukelt, in welcher der Mensch zur bloßen Maschine degradiert wird. Er wird gleichsam über das Digitale entmündigt.

[Anmerkung: Durch den Einsatz von Medien  gaukeln wir uns etwas vor, unabhängig davon ob analog oder digital. Somit sind wir schon seit der Erfindung der Schrift entmündigt. ;-)]

Christian Kunstmann, Generalsekretär, Kuratorium Sicheres Österreich (KSÖ)

Das Leben ist ohne Cyberspace nicht mehr vorstellbar und ermächtigt die Gesellschaft in ihrer Kommunikationsfähigkeit, wie aktuelle im Nahen Osten zu sehen ist. Neben den politischen Motiven spielt die Technologie dabei eine zentrale Rolle im Bereich der Kommunikation aber auch zur Organisation von Protesten, bis hin zur Weitergabe von militärischen und humanitären Informationen durch die Zivilgesellschaft. Wir nutzen das Netz vom politischen Protest bis zur Suche nach dem nächsten Schnitzelplatz.

Neben den Möglichkeiten finden sich aber Bedrohungen. Wir nutzen im Netz nutzen vielfach unterschiedliche private und berufliche Profile, was wir allerdings nicht miteinplanen ist, dass „andere“ wie Facebook, Google und Co  aus diesen unterschiedlichen teilweise bewusst getrennten Profilen eine Identität erstellen. Trotz der bestehenden Datenschutzprobleme ist der Weg zurück verbaut bzw. wollen wir uns auch vielfach ja auch nicht die Chancen des Netzes nehmen. Staaten müssen daher die Datenhoheit des Einzelnen über seine Daten wiederherstellen. Erste Projekte in diese Richtungen finden sich bereits, wie Suchmaschinen die keine Suchabfragen abspeichern oder soziale Netzwerke, in welchen die  Daten selbst gespeichert und gelöscht werden können.

Das „Netz“ wird durch die noch immer stark zunehmende Nutzung mehr und mehr zur kritischen Infrastruktur. Sicherheit dieser Infrastruktur ist daher zentrale Aufgabe des Staates. Zu diesem Zweck wurde dieses Jahr eine Cybersecurity Plattform gegründet und erstmals eine Cybersecurity Planspiel mit allen zuständigen Organisationen durchgeführt, mit dem Ziel die Zusammenarbeit für den Ernstfall zu optimierten.

Die größte Herausforderung für die Gesellschaft sind die Bildungssysteme, nur diese können die heutige Jugend mit dem Wissen ausstatten, welches zur optimalen Nutzung des Netzes notwendig ist. Wir müssen lernen wie wir das Medium maßvoll und zielorientiert im Unterricht einsetzen. Eine der zentralen Kulturtechniken ist die Suche und die damit verbundene Quellenkritik.

Im Übrigen kommt aus Österreich einer der erfolgreichsten Nachwuchshacker, der es mit jungen 15 Jahren bereits unter die Top 50 der weltweiten Hackerliste geschafft hat. Hacken ganz legal dürfen Jugendliche bei der aktuellen Cyber Security Challenge „Verboten Gut“ (http://www.verbotengut.at/)  – bereits über 300 TeilnehmerInnen haben sich beteiligt, neben dem Auffinden von Schwachstellen, müssen auch Lösungen zur Schließung entwickelt werden um den Wettbewerb zu gewinnen.

Ja wir leben in einer schönen neuen Welt. Der notwendig steigende Schutzbedarf muss durch den Staat gewährleistet werden. Vielfach verstehen wir die neue Welt nicht mehr, weil sie zu komplex geworden ist, aber sie wird uns mehr Nutzen als sie uns schadet. Die größte Gefahr geht von Menschen aus die sie missbrauchen.

DISKUSSION:

In der anschließenden Diskussion wurde vor allem festgehalten, dass „wir“ emotional verarmen „ alone together“. Die Körpersprache bzw. die Körperlichkeit ist ein wesentliches Element, dass nicht über das Netz abgebildet werden kann. Dies ist ev. auch der Grund dafür, dass im Netz Intimitäten ausgetauscht werden, die in der Realität so nicht vermittelt werden würden. Eine Aktivierung der Gesellschaft wird nur vereinzelt stattfinden (Wikipedia, Linux und Co) die Mehrheit wird ähnlich passiv vor dem Internet sitzen so wie vor dem TV-Gerät und somit nicht auf der Straße demonstrieren. [Kommentar: Wir werden sehen J!]

Links:

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s