Netzwerke der Macht vs. Soziale Netzwerke

4. #sbsmTaalk via Thomas Kreiml (flickr: kreimlink)

4. #sbsmTaalk via Thomas Kreiml (flickr: kreimlink)

Der 4. #sbsmTaalk konzentriert sich heute zum ersten Mal auf nur zwei DiskutantInnen: Tina Leisch, die sich auf Seiten der Netzwerke der Aktivist_innen schlägt  – und Harald Katzmair, der seine Betrachtung der Elitennetzwerke gegenüberstellt.

Christian Voigt, Herausgeber des Handbuchs für Soziale Bewegungen und Social Media – wofür auch das Hashtag #sbsm steht – moderiert auch dieses mal selbst und führt kurz in die Inhalte ein. Der Titel des diesmaligen Talks lehnt sich an Harald Katzmairs kürzlich erschienenes Buch Die Formel der Macht an. Der Fokus liegt heute auf drei verschiedenen Schwerpunkten: die Elitennetzwerke, soziale Netzwerke und die Netzwerke der Gegenmacht.

Wie wird Gegenmacht aufgebaut? Tina Leisch beschreibt in aller Kürze die Entstehung von politischer Gegenmacht, die sich immer auch in Netzwerken organisieren. Für Soziale Bewegungen gehen diese Netzwerke über die Ursprungsorganisation (wie beispielsweise Gewerkschaften) hinaus – um relevante Größe gewinnen zu können. In anderen Bereichen flammen Widerstände auf, die nicht in konstanten Strukturen organisiert sind. Leisch bezweifelt, dass sich Facebook als soziales Netzwerk bezeichnen lässt. Sie zweifelt an, dass dort reale Vernetzung passiert. Den Arabischen Frühling als Facebook-Revolution zu bezeichnet, findet sie lächerlich.

Harald Katzmair geht auf den Begriff Soziale Netzwerke an sich ein. Es gibt die Sprache der Netzwerke, die uns hilft, zu verstehen und ein Modell darstellt. Netzwerktheorie besteht in etwa 80 Jahre und verbindet verschiedenste Disziplinen. Auch Netzwerkanalysen bestehen deutlich länger bereits, als Social Media. In den Analysen ist die Unterscheidung zwischen schnellen und langsamen Beziehungen hoch relevant. Die Gefahr auszubrennen, wenn man zu schnell ist, steht der Gefahr zu mumifizieren gegenüber. Weder das eine noch das andere dient der Bewegung/Veränderung. Gegenmacht muss somit immer über eine andere Geschwindigkeit verfügen. Soziale Netzwerke lassen sich nach Transaktionen, als die Ressourcendimension und Beziehungsdimension beschreiben.

Während im Bereich der Sozialen Medien gerne von starken und schwachen Beziehungen gesprochen wird, geht es heute vielmehr um Organisierung von Beziehungen und Ressourcen. Wenn Geld nicht vorhanden ist, braucht es beispielsweise gemeinsame Ideologie.

Wie können wir das Potential unserer Beziehung erneuern? Wie bleiben wir lern- und bewegungsfähig? Das kann eine besondere Stärke der sogenannten „weak ties“ sein. Es geht um eine Ökonomie der Kräfte, wenn man etwas erreichen möchte – und das ist Macht.

Tina Leisch erzählt von der für sie beobachtbaren Entwicklung, dass sich die Möglichkeiten, Gegenmacht zu entwickeln, verändert haben, weil Macht früher noch viel stärker gebündelt war. Die große Stärke Sozialer Medien besteht in ihrer flachen Hierarchie, in der Möglichkeit, sich viel rascher als früher beispielsweise innerhalb einer Bewegung einen Namen machen zu können.

Katzmair geht zurück auf seine Bezeichnung der Macht als Thermodynamik der Kräfte – es benötigt beide Kräftearten. Für ausgiebige Beziehungspflege bleibt immer weniger Zeit, was das Bedürfnis nach Austausch teils in Soziale Netzwerke und andere Beziehungsstrukturen verschiebt. In vielen Bereichen ist soziale Absicherung weitgehend verloren gegangen (Bsp Ich-AG etc). Es geht also auch um neue Vernetzungsmöglichkeiten, es ist nur die Frage, wofür die Mittel Sozialer Medien eingesetzt werden. In dem Kontext stellt er auch kurz das Projekt „Wir sind mehr“ vor.

Als Wert der Virtualisierung nennt Katzmair die faktisch zunehmende Zeit, die User im Internet verbringen – während Christian Voigt darauf hinweist, dass das immer noch weniger ist, als vor dem Fernseher verbracht wird.

Wie rekrutieren sich Menschen in Gegenbewegungen? Wie oder wann sich Menschen politisieren, lässt sich laut Leisch nicht direkt beschreibend festlegen. Der Wunschbürger einer liberalen Ökonomie lebt als Monade, die außerhalb vom Netz  vor allem bereit ist die Ellbogen auszufahren – und bleibt doch ein Wunsch, denn es bleibt auch viel mehr alltägliche Widerspenstigkeit bestehen, als oft bewusst ist. Wann sich das aber politisch und solidarisch organisiert, ist oft auch purer Zufall und von einzelnen Begegnungen abhängig.

Elitennetzwerke sind nach Katzmair in Wertschöpfungszusammenhängen verbunden und haben eine geringe Vielseitigkeit an Rollen. In Sozialen Medien finden sich Menschen häufig nach Interessen zusammen, was Identität und Kommunikation fördert, wodurch aber die Ressourcenbildung problematisch werden kann. Die „Filterbubble“ macht uns somit unter Umständen weniger handlungsfähig.

Um in einem Netzwerk akzeptierter, also vertrauenswürdiger Knotenpunkt werden zu können, müssen erst einmal Schwellenrituale bewältigt werden. (Es ist leichter aus Geld Wissen zu machen, als aus Wissen Geld) Es gibt also eine Kultur der Macht. Für ein Netzwerk sind Gegenmächte gesund, da sie ihre Ressourcen immer wieder neu strukturieren müssen.

In Gegenbewegungen finden sich diese Rituale ebenso, aber Leisch findet interessant, wie das Wissen um Macht zum Aufbau von Gegenmacht verwendet werden kann. Das Speisen von Facebook allerdings, wird in ihren Augen dazu führen, dass alle dort gesammelten Daten in absehbarer Zeit zu kaufen sein werden.

Christian Voigt springt an der Stelle für den Begriff der Soziale Medien ein – im Buch Soziale Medien und Social Media werden Soziale Medien als Struktur beschrieben, womit klar ist, dass es deutlich mehr gibt in dem Kontext, als Facebook. Es geht vielmehr um eine Organisation von Austausch, mit der wesentlichen Praxis des Teilens. Es entstehen ebenso laufend weitere Möglichkeiten, wie aber auch die blogosphäre (..) alles andere als ausgestorben ist. Solidarität wird übers Netz vor allem sichtbar, Kommunikation entsteht oft erst, wenn man mitbekommen kann, dass gesprochen wird.

(Ergänzungen folgen unter Umständen ;))

Eine gesamte Aufnahme des Gespräches lässt sich auf ichmachpolitik.at finden.

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