Solidarität neu (er)finden?

Als letzte Donnerstagsveranstaltung im Rahmen der Ausstellung „Die Stadt ist uns nicht egal“ wurde das Thema aufgegriffen, wie virtuelle Gemeinschaften und ihre Rolle bei Beteiligungs- und Demokratisierungsprozessen aussehen. Wie erzeugen StädterInnen Netzwerke, in denen sie Solidarität wieder finden oder neu erfinden? Welche Rolle spielen dabei neue Medien Medien? Wie sieht Partizipation in einer virtuellen Welt aus und welche Auswirkungen auf urbane Demokratisierungsprozesse sind zu erwarten?

Wir, das Podium, hofften darauf, auf diese vielen Fragen auch ein paar passende Antworten zu finden. Ich durfte mit einer Präsentation zur Frage der Demokratisierung durch Technologisierung den Start machen; dabei wiedereinmal geschafft, in 20 Minuten 40 Folien zu präsentieren – beinahe deshalb, weil ich zwischenzeitlich als zu schnell eingebremst wurde😉 (sollte mal trainieren langsamer zu reden :-)).

Nachfolgend noch die Folien und eine Zusammenfassung der Inhalte.

  • Demokratie ist rechtlich betrachtet eine Fiktion („Recht geht vom Volk aus“; oder in den USA: „Wir sind die Regierung“)
  • Demokratisierung durch Technologisierung ist gegeben, weil Produktionsmittel, Medien und Kanäle beinahe für alle leistbar zur Verfügung stehen. Außerdem bieten die neuen Marktplätze Distributionsmöglichkeiten für alle; selbst Werbung (Google Adds) und Netzwerke (Facebook) sind so zu geringen Kosten möglich (Zusammenbringen von Angebot und Nachfrage)
  • Die Technologsierung der Gesellschafft führt zur Stärkung der Organisations- und Kommunikationskraft der Gesellschaft, die sowohl für postive Veränderungen oder auch destruktivere Aktivitäten genutzt werden kann – von Arab Spring bis zu den Riots in UK.
  • Dies führt somit zu Spannungen zwischen Gesellschaft, Politik & Wirtschaft. Die Gesellschaft produziert nach dem Open Source-Paradigma „Nobody owns it; Everybody uses it; Anybody can improve it“ im Netzwerk ohne Gewinnabsicht und steht somit diametral zu bestehenden Business Modellen. Sie lehnt sich – mit der Hilfe der Technologie – effizient und effektiv gegen bestehende politische System auf bzw. zeigt die Schwächen dieser Systeme auf – siehe Anonymous and Wikileaks.
  • Die Reaktion der Politik – selbst in bestehenden Demokratien – sind Bestrebungen den öffentlichen Raum des Internets zu beschränken und zu kontrollieren. Rechtlich betrachtet findet dadurch zur Zeit eine Schwächung der Demokratie statt: Stichworte hierfür sind die Vorratsdatenspeicherung, Zensurbestrebungen in den USA und Europa durch Blacklist (ausgelöst durch den Anlassfall Kinderpornographie); der Wunsch nach dem Ende der Anonymität im Web und zu guter letzt die Sammelwut der wirtschaftlichen Anbieter wie Google und Facebook.
  • Es lässt sich also eine paradoxe Situation feststellen: Die Gesellschaft wird einerseits durch Technologie  ermächtigt, gleichzeitig aber demokratische Freiheiten  geschwächt.
  • Hoffnung besteht, wenn die Netzfreiheit wieder errichtet wird und vorhandene Barrieren abgebaut werden; die Transparenz im Staat erhöht wird (beispielsweise durch Open Data & Open Information); Beteiligung und Zusammenarbeit ausgebaut wird  und die Gesellschaft sich ihrer neuen Organisationskraft bedient um sich in dezentralen Netzen selbst zu organisieren.

Hans Christian Voigt stellte sein Buch „SOZIALE BEWEGUNGEN UND SOCIAL MEDIA, Handbuch für den Einsatz von Web 2.0.“ vor, an dem 47 AutorInnen kollaborativ mitgearbeitet haben. Das Buch beginnt mit Falbeispielen, die von AktivistInnen selbst beschrieben werden. Es wurde unter CC veröffentlicht und ist online vollständig vorhanden – dazu musste der Verlag aber erst überzeugt werden. Die Erstellung des Buches wurde mit einem geschlossenen WIKI gestartet, in welchem ca. 50% der AutorInnen ihre Beiträge auch geschrieben haben. Neben dem Verfassen der Beiträge wurde aber auch der Erstellungsprozess  gemeinsam mit dem Verlag über das WIKI durchgeführt. Neben dem WIKI wurden bis hin zu verschlüsselten JAVA Chat-Konsolen alle e-Kommunikationskanäle mit den AutorInnen genutzt. Im gedruckten Buch finden sich Online-Kommentare aus dem Blog, mit dem Zweck den dialogischen Aspekt der Online-Welt im Buch greifbar zu machen,  weiteren Meinungen Platz zu bieten und auch das Stilelement der  inszenierten Endnoten, die als Kommentar getarnt wurden, zu integrieren 😉. Ein Buchprojekt, welches Social Media-Prozesse widerspiegelt:

Peter Kühnberger (neu&kühn) startete wie immer mit den Ameisen😉

(Anmerkung zum gezeigten Video: Es lebe das Kollektiv :-))

Erstes Fallbeispiel war NEXTHAMBURG – eines der zahlreichen Beispiele aus Deutschland. Auf dem Plan finden sich „Unorte“ (übrigens ein schönes deutsches Wort)🙂. Oliver Märker war leider verhindert, Peter K. sprang dafür in die Bresche und stellte sein Lieblingsthema vor: Der BürgerInnenhaushalt. In Deutschland gibt es bereits 110 davon,  in Österreich noch gar keinen – in Worten: null. Auch in Südamerika ist diese Form der Beteiligung weit verbreitet, meist ohne „e-Bezug“; dafür sammelns ich aber, bildlich gesprochen alle in einer Lagerhalle, bis das ganze Budget beschlossen ist. Auch Beispiele aus Wien wurden vorgestellt (die nervigste Ampel und die aktuelle Diskussion rund um die Mariahilferstraße). Peter schloss seine Vorstellung von Projekten mit einem extrem charmantem Stadtentwicklungsbeispiel aus Kopenhagen ab: Für gute Ideen gibt es als Anreiz eine Wurst am IdeenWürstlStand; wäre ja für Wien mehr als passend.

Abschließend folgte eine philosophische Betrachtung über die zentralen Schwachstellen des virtuellen öffentlichen Raums von Ursula Baatz.

  • Was passiert, wenn wir den Strom abdrehen? Dann sind wir im kompletten Chaos. Dieses Abhängigkeitsverhältnis stellt eine der Grundschwächen des Gesamtsystems dar.
  • Was immer dieses Netz hergibt, hängt von dem Algorithmen von Facebook und Google ab.
  •  Unterschied zwischen virtueller und „realer“ Realität: Der physische Einsatz unserer Existenz wird dabei vernachlässigt. Twittern und facebooken über die Revolution, während  Demonstranten ihr Leben riskieren.
  • Netze wurden vom Geheimdienst entwickelt, von der Wirtschaft zur Profitmaximierung weiterentwickelt – wir glauben nun, sie für uns nutzen zu können.
  • Die Taktung der Gesellschaft erfolgt über Medie; diese hat sich sukzessive erhöht. (Eine ursprüngliche Empfehlung für Radiosendungen war, keine Sätze mit mehr als 12 Worten zu sprechen. Inzwischen ist die  Empfehlung bereits bei 8 Worten – dies verweist auf eine gesellschaftliche Konditionierung.)
  • Der Geschmacksinn spiel im Netz keine Rolle. Eine aktuelle Statistik: Ein Viertel der Jugendlichen können süß, sauer und scharf nicht mehr unterscheiden.
  • In Anspielung auf das Next Hamburg-Beispiel von Peter K.: Österreich seit ist seit der Reformation ein Polizei- und Kirchenstaat, während Hamburg eine lange Tradition als freie Bürgerstadt hat.
  • Eine weitere Hypothese war, dass Empathie über das Netz nicht erlernbar sei.

Gedankensplitter aus der Diskussion:

In der anschließenden Diskussion wurde die Rolle des Internets als Werkzeug, das wir selbst nutzen können, angesprochen. Demokratisierung benötigt ebenfalls Kompetenzen, es müssen „alle mitgenommen“ werden. Aktuell ist eine Entsolidarisierung und Fragementierung der Gesellschaft festzustellen – zu vielfältig sind die Interessen und ein gemeinsames Ganzes nicht in Sicht. Inklusion oder Exklusion im Hinblick auf on- oder offline-Prozesse ist nicht mehr die entscheidende Fragestellung – heute ist nur noch beides möglich, auch eine reine Offline-Beteiligung schließt viele aus. Von einem Diskutanten wurde Arbeit als Diktatur während des Tages empfunden und  am Abend seien  wir zu müde für echte Demokratie durch Beteiligung.

Angesprochen wurde auch das Thema Open Source als Ökonomisierung der freien Software-Bewegung. Solidarität ist Empathie, diese ist jedoch nicht im Internet erlernbar, auch Gewinnmaximierung ist oft „the name of the game2. Wenn sich das kollektive Vermächtnis ins Netz und in Richtung der Gesellschaft verschiebt (Wikipedia), können wir jedoch auch von einer Demokratisierung der Bilder und Inhalte im Netz sprechen.

Vielen Dank an Cornelia Ehmayer für die großartige Organisation und Karin Schneider für die sehr unterhaltsame Moderation (http://ritesinstitute.org/de/).

5 Kommentare

  1. Was die Solidarisierungstendenzen betrifft, gibt es wohl beiderlei Tendenzen, ähnlich wie dem Trend zur „Konservativisierung“ (uff, das Wort, gibt es wohl gar nicht).
    Also zum einen Bewegungen, die Solidarität sogar auf die globale Ebene heben, dann wiederum andere Gegenbewegungen, die genau diesen Aspekt nicht verstehen bzw. als lächerlich abtun. Insofern hat sich wohl tatsächlich die Bewertung von Solidarität allgemein verschoben.

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  2. Lieber Peter, du hast nicht nur sehr flott gesprochen. Du hast mich vor allem damit beeindruckt, wie unglaublich schnell, flüssig und munter deine Reaktion auf die Bitte aus dem Publikum ausgefallen ist, doch ein etwas wienerischeres Tempo einzuschlagen, „Was, noch schneller?“😉

    Eine corr.-Bitte nur zum #sbsm Projekt, da stehen wir erst bei 47 MitautorInnen. Freilich, für die zweite Auflage sind 54 schon möglich.

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