Once more: re:publica 2011 #rp11

Die re:publica-Konferenz ist nicht gerade am Schrumpfen.🙂 Besonders in der Kalkscheune waren schon am Vormittag des ersten Tages die Räume überfüllt. Nachdem die Vorträge im Friedrichspalast aber auch später via Livestream nachvollziehbar sind, haben wir hauptsächlich an den Sessions in der Kalkscheune teilgenommen. Wie gegen Ende angekündigt wurde, wird nächstes Jahr ohnedies ein Ortswechsel zu einer größeren location erwogen.

Durch die ständige disconnectedness (WLan funktionierte ja eigentlich nur am ersten Tag wirklich :)) war’s auch nichts mit Live-Blogging; und da ich am zweiten Tag auch als Speakerin unterwegs war, kam mir die re:publica dieses Jahr überaus kurz vor. Auch hätte ich mir mehr Sessions mit reger Diskussionsbeteiligung (d.h. abseits eines Frontalvortrags oder einer Podiumsdiskussion), durch die die Interaktion auf einer Konferenz erst so richtig Sinn macht, gewünscht. Das würde bedeuten, zumindest 20 Minuten für Diskussion am Ende einer Session einzuplanen bzw. gelegentlich auch Fragen aus Twitter oder dem Publikum zwischendurch aufzugreifen.
Darüber hinaus stellt sich ohnehin die Frage, ob der einem derartig  regem Tweet-Aufkommen bei einer Konferenz wie der re:publica nicht mittlerweile Unter-Hashtags notwendig wären, die über das reine Spiel (#blau #gelb #rot) hinausgehen und eine Strukturierung derselben zulassen könnten. #idee

Nachfolgend noch einige Notizen zu nicht gestreamten Sessions.

POWER IN THE DIGITAL AGE (Ulrike Höppner)

Die Session beschäftigte sich mit Machtfragen in Bezug auf Revolutionen und Netzwerktheorien. Zwei Dinge bildeten die Vorannahmen des Vortrags: a) Technologie alleine erzeugtkeine Revolutionen (it is always people: we do), und b) Wie wir Technologie verwenden, ist aber natürlich relevant (nicht neutral, aber auch nicht deterministisch). Macht und Kontrolle sind nicht gleichzusetzen (Materialisierung) bzw. ist dies irreführend: Macht ist die Möglichkeit mit anderen zu handeln (in Anknüpfung an Hannah Arendt), also gemeinsam aktiv und verantwortlich unter Anerkennung der Konsequenzen die Welt zu gestalten. Macht braucht nun 3 Komponenten: Kommunikation und Aktion, symbolische Repräsentation und Imagination. Wenn Macht ausgeübt wird, tritt sie als kollektive Fähigkeit in Erscheinung, z.B. als gemeinsames Verneinen von Selbstverständlichkeiten (siehe z.B. Revolutionen in Ägypten). Symbolische Repräsentation kann bei diesen Beispielen an politischen Personen (Repräsentation eines Misstandes) festgemacht werden. Die Rolle der (Netzwerk)technologien ist fundamental, aber gleichzeitig nicht unersetzbar: Die meisten Technologien legen auch Wege an, die verhindern, dass bestimmte andere Wege genutzt werden.Technologien spielen als Kommunikationsmedien eine Rolle als Element von Macht, sie stärken aber auch darüber hinaus die Fähigkeit zur Imagination (andere Leben sind offensichtlich möglich, siehe Revolutionen im arabischen Raum).

Ausgehend davon, dass die Möglichkeiten zur Ausübung von Macht niemals größer waren, stellte der Vortrag 3 Thesen zu Macht und dazu, wie Technologien sein sollten, heraus:
*Dezentralisation statt Zentralisierung
*Technology should encourage Diversity
*perpetual change rather than consolidation (Dynamik erhalten).
Wenn eines der drei Elemente von Macht nicht zu verwirklichen ist, kommt es idR nicht zu einer Revolution.

TEILHABEPOTENTIAL DES INTERETS FÜR JUNGE ERWERBSLOSE (DAS INTERNET ALS INSTRUMENT FÜR GESELLSCHAFTLICHEN AUFSTIEG; Kathrin Englert, Sebastian Koch, Martin Riemer)

Das Netz gilt als Instrument für gesellschaftlichen Aufstieg, insbesondere für Kinder und Jugendliche. Seit Jahren existiert eine große Kluft bezüglich Internetnutzung zwischen einkommensschwachen Haushalten und finanzuell beser gestellten Gruppen ((N)ONLINER Atlas 2010). Die Wahrscheinlichkeit der dig. Spaltung steigt, wenn zusätzlich zu geringem Einkommen ein geringerer Bildungsabschluss, höhreres Alter und/oder Leben im ländlichen Raum dazukommen. Jugendliche aus soz. benachteiligten Familien und jungen erwerbslosen Erwachsenen sind besonders von der dig. Spaltung betroffen. Erwerbslosigkeit bedeutet auch prekäre Lebensverhältnisse, durch das ALG II in Deutschland hat sich dies verstärkt. Können junge Erwerbslose mit dem Internet eine Teilhabe realisieren, Handlungsfähigkeit zurückgewinnen, und welche Bedeutung schreiben sie selbst dem Internet zu? Antworten wurden aus dem DFG-Forschungsprojekt: „Die Bedeutung des Internets für gesellschaftliche Teilhabe – am Beispiel alltäglicher Praxen Erwerbsloser“ gegeben. In diesem Rahmen wurden 10 Interviews mit jungen Erwerbslosen zwischen 19 und 26 Jahren geführt (drei  Untersuchungsregionen in Deutschland, der Großteil lebend in ostdeutscher Kleinstadt, 2/3 davon männlich). Es zeigte sich, dass da Internet ein Unterstützungsmedium für den Berufseinstieg ist (Teilhabeforum Bildung). Selbstlernen über das Internet ist üblich. Außerdem gibt es Teilhabeeffekte „regulärer“ Erwerbsarbeit bezüglich der Teilhabeform soziale Nahbeziehungen. Das Internet ermöglicht außerdem Kontakte jenseits der Festlegung der eigenen Identität auf stigmatisierte Stereotype und gezielte Suche nach Gleichgesinnten, ist ein Ort der Anerkennung, ermöglicht Empowerment der untersuchten Personen über Informationsquellen, z.B. im Bereich Rechte. Besondere Bedeutung des Internets für Kultur und Freizeit zeigte sich in strukturschwachen ländlichen Regionen; dort fungiert das Internet als Ausweg aus der Exklusion angesichts eines bedrückendes Lebensumfeldes und als einziger Weg der aktiven Zeitgestaltung in einer Umgebung der erspektivenlosigkeit; darüber hinaus auch immer als Möglichkeit, das Leben als gestaltbar zu erfahren und als Ort ansonsten kaum erfahrbarer Selbstwirksamkeit oder auch Teilhabe im Bereich Konsum. Dass die Bedeutung des Internets als Kompensationsmedium steigt, ist unbestritten, es ist aber nicht nur Unterstützung für gesellschaftliche Teilhabe, sondern Vorraussetzung, also ein Sysmbol gesellschaftlicher Teilhabe. Fehlender oder eingeschränkter Inetzugang wird daher zu einer weiteren Dimension der Ausgrenzung von jungen Erwerbslose (Medienkompetenz, Ort- und Zeitsouveränität wichtig). Die Digitale Spaltung entlang der Kategorie Einkommen wird derzeit per Gesetz verstärkt: Knapp 6 Euro im Monat (!) sind für Internet- und Online-Dienste sowie für Datenverarbeitungsgeräte vorgesehen (diese Zahl bezieht sich z.B. auf Internet-Cafés).
Politische Forderungen sollten daher sein: Die Anerkennung des Netzes als Grundbedarf, die Einforderung der Unpfändbbarkeit von internetfähigen PCs, die Gewährleistung der notwendigen Technikausstattung, sowie zielgruppenspezifische Computerkurse, teilweise diskutiert unter dem „Sozialticket für Internetangebote“. ((N)Onliner Atlas 2010 zu genaueren Daten).

In der Session wurde weiters die Erfahrungen bei der Einrichtung eines SchülerInnenblogs an einer Kiezschule diskutiert und die Frage, wie man eine Teilhabe unter SchülerInnen erreichen kann. Eine mögliche Forderung wäre die stärkere Autarkie von Grundschulen, die freier über Gelder verfügen könnten.).
AKTIVISMUS IM ÖFFENTLICHEN RAUM (NACHHALTIGKEITS-GUERILLA; Maik Eimertenbrink)

„Wir haben keine Angst vor der Zukunft, die Zukunft hat Angst vor uns.“

In der Session wurden 6 Projekte bzw. Ideen der Nachhaltigkeitsguerilla vorgestellt: Der fliegende Kaffee, Internet für Obdachlose, Guerilla-Wohnzimmer, Guerilla-Spielplatz, Verz*cht, Adinfect, Friend-Support „Rent a Tree“.

*Der fliegende Kaffee: Man geht in ein Café und bestellt zwei Kaffee, einen trinkt man selbst, einer geht auf eine offene Liste für bezahlte Kaffees (kann von einem Bedürftigen abgerufen werden.) http://www.fliegender-kaffee.com geht online, sobald 20 Cafés dabei sind.
*Internet für Obdachlose: Büros werden aufgerufen, Schilder ins Fenster zu hängen, mit der Aufschrift „Hier dürfen Obdachlose kostenlos ins Internet, ich mache solange mal Pause“. Aufschrift runterladen und an’s Schaufenster kleben🙂 Hier zeigte sich oft eine Diskrepanz zwischen „guter Idee“ und Bedenken🙂
*Guerilla-Wohnzimmer: AktivistInnen schmücken S-Bahn zum Wohnzimmer; Hintergrund: nachhaltige Mobilität kann auch Spaß machen, siehe z.B. die BMU-Leitlinien für eine nachhaltige Mobilität (Werbung für umweltschonende Mobilität).
*Guerilla-Spielplatz: AktivistInnen verteilen Spielzeuge auf Spielplätzen.
*Verz*cht: Die Buchstaben sind zum Ausdrucken auf der Website downloadbar; kann dann auf Werbeplakate bzw. Produkte geklebt werden, zu deren Verzicht angeraten wird. Motto: Konsumverzicht.
*Adinfect: Werbung für Produkte die es nicht gibt, aber geben sollte. Der Produzent wäre dann gezwungen, das Produkt herzustellen (weil es so beliebt ist). (Nachhaltige Produktideen in öffentliche Diskussion bringen, Beispiel http://www.smoothio.de :))
*Friend-support: „rent-a-tree“: Tannenbaum-Wiederverwertung.
Ideen zur Nachhaltigkeitsguerilla bitte an maik@nachhaltigkeits-guerilla.de

DIE ILLUSION DES ÖFFENTLICHEN RAUMS (Podiumsdiskussion)

Der öffentliche Raum ist der Raum, in dem nicht die Willkür des einzelnen bestimmt; Wenn wir das Private schützen wollen, müssen wir auch das Öffentliche schützen? Diese Frage stand nicht erst seit der Debatte um Google Street View im Raum. Die Politik ist gefordert zu fördern, dass die Gesellschaft Alternativen aufbaut. Welches Recht hat aber die Gesellschaft, Normen aufzustellen (z.B. Google das Handwerk zu legen?). Das Verständnis von öffentlichem Raum ist auch eine kulturelle Frage; In Deutschland hat z.B. jeder das Recht auf einer öffentlichen Straße zu fotografieren – so einfach ist das aber auch nicht. Das Grundrecht der persönlichen Freiheit (Fotografieren im öffentlichen
Raum) ist zwar hier betroffen, Panoramafreiheit (tolles Wort!) hat aber auch mit Urheberrecht zu tun – darf also den anderen nicht einschränken. Die Panoramafreiheit kam vor 100 Jahren auf – als die Fotografie modern wurde.
Zum Problem Gemeinschaft vs. Gesellschaft: Viele der Dinge, die über die letzten 200 Jahre als selbstverständlich für alle galten, verändern sich nun. Die Debatte dreht sich häufig um die Frage, dass öffentliche Ressourcen durch Private angeboten werden und die Gesellschaft darauf keinen Einfluss hat. Es gibt einige Zeichen, dass das Gesellschaftliche als Geschichte schwächer wird ( siehe z.B. den Zerfall der Massenmedien, im weiteren Sinne auch der Volksparteien etc.). Auch Plattformen wie Facebook etc. sind eigentlich nicht gesellschaftlich verfasst.

Interessant ist auch der antike Begriff der/des Idiot/in: Diese durfte aus ökonomischem Zwang heraus nicht politisch handeln, war vom Forum ausgeschlossen. Gerade erleben wir die klassische Idiotie: Mangels eigener Macht, die Dinge zu verändern, sagen die Leute: „Danke, Apple, dass du uns das iPad gebracht hast!“🙂
Ein anderer Problemkreis sind die Grenzen der Gestaltungsmöglichkeiten im Netz am Beispiel Wikipedia: Von Deutschland aus gibt es keine Möglichkeit, gegen Inhalte auf Wikipedia zu klaren – Die Freiheit der Gestaltung steht hier der Möglichkeit, wirklich bis zum Ende an den Normen, die dieses System bestimmen, zu arbeiten, entgegen. Die Idee einer pluralistischen Instanz, die die Normen setzt, ist noch nicht verwirklicht.

Die Stadt Linz wurde übrigens als schönes Beispiel für bürgerlichen Netzraum (Creative Commons etc.) genannt.

STEREOTYPE, SICHTBARKEIT und SELBSTINSZENIERUNG (Katrin Rönicke)

Über 70 % der Frauen nehmen in Deutschland am Internet teil, Männer sind etwas länger online. Dies geschieht wie auch in der Gesellschaft allgemein über traditionelle Rollen, beispielsweise betrachtet die durchschnittliche Frau das Internet nicht als Technologie (wie bei Männern), sondern als Tool. 80% der Einkäufe in einem Haushalt werden durch Frauen getätigt, vergleichbare Aktivititen sind daher bei Frauen auch im Internet häufiger. Für Männer ist Technologie ein Reiz, für Frauen eher eine spielerische Herangehensweise. Unterschiedliche Nutzungsgruppen (Digital Refugees, Voyeurs, Immigrants, Natives) wirken sich auch auf das Selbstvertrauen von Frauen im Netz aus. Das Wettkampf-Denken ist männlich konnotiert: Männer entfalten in Wettkampf-Situationen meist ihr Potential, während Frauen dies öfter demotivierend empfinden. Dafür ist aber nicht Testosteron verantwortlich – hierzu gibt es mannigfaltige Studien zur Wechselwirkung zwischen Hormonen und Stereotypen. Zusammengefasst kam dabei heraus: Was wir über Hormone denken, ist stereotyp. Unser Verhalten wird aber mehr vom Denken über Stereotypen als von Hormonen beeinflusst🙂 Stereotypen wirkt man am besten mit neuen Vorbildern entgegen. In der Session wurde statt dem Wort „Quote“ die Verwendung von „Korrektiv“ vorgeschlagen.

RINGELPIETZ MIT ANKLICKEN: PARTEISEITEN, PERLENZÜCHTER und PONYPORNOS (Susanne Reindke, Teresa Bücker, Heiko Hebig)

Ab hier: FSK ab 18🙂

Die Session führte die bunte Vielfalt des Internets unabhängig vom  Alleinziel, sich über alles lustig zu machen, vor. Fundstücke vom Randes des Internets, in Stichworten🙂

Unicorn Porn, Muslims for Marriage, TinEye.com, Russische  „gephotoshoppte“ Hochzeitsfotos, Opferwurst.de, Lookingatthings, explosionsandboobs.com, Girls make gun sounds, panzer-power.de, carstuckgirls.com, muenchenkotzt.de, pets-de.org, Nachgestellte Bilder von Fashionblogs (lepetitchomalade.com), Guyswithiphones.com, OpaDönerPudelsDance, Die Sechs von der Müllabfuhr, uvm.

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