IRIS 2011, Tag 3, Workshop Science Fiction und Utopien

Der Workshop setzte sich mit den unterschiedlichsten Utopien auseinander. Gemein war Ihnen ein Bezug zu Technik, Maschinen und Informationsmedien sowie der Frage, was zukünftig in diesem Bereich denkbar, erwartbar, wahrscheinlich oder illusorisch ist.

I’d rather be a cyborg than a princess, or: Do dedroids dream of electric sheep? (Judith Schossböck)

Der Beitrag war eine Einführung in das Genre der feministischen Cyber-Kultur und Cyborg-Theorie mit dem Schwerpunkt auf Figuren der Populärkultur und Science Fiction. Technische und biologische Lebensformen wie Roboter, Androide, Gynoide und Cyborgs wurden anhand von Beispielen aus Realität und Fiktion vorgestellt und voneinander abgegrenzt. Gerade bei weiblichen Robotern wird häufig Lust als Programmierung dargestellt, während bei Gynoiden tendenziell eine Fokussierung auf das Attribut Schönheit festzustellen ist.

Insbesondere die Figur des Cyborgs wird häufig als Metapher für Widersprüche in der feministischen Theorie herangezogen und ist wegen ihrem Hybridcharakter für gendertheoretische Fragestellungen interessant. Als Idee eines Mischwesens aus lebendigem Organismus und Maschine stellt sie die Grenze von Natürlich- und Künstlichkeit in Frage. Der Beitrag fragte u.a. nach der Bedeutung dieser Konzepte für unser Verständnis von Identität und Körperlichkeit, aber auch für Stereotypen und Machtstrukturen. Und nicht zuletzt ist die Frage, ob wir uns bald selbst als Cyborgs bezeichnen können, aufgrund zunehmend eingesetzter Wissensprothesen (Smartphone und Co.) bedeutsamer denn je.

Leben nach Plan – Utopien in den Biowissenschaften (Markus Wiederstein)

Hier wurde ein Blick auf Utopien in der Biologie der nächsten Jahrzehnte geworfen. Es ist zu erwarten, dass mit diesen Entwicklungen auch intensive ethische und rechtliche Debatten einhergehen werden. Synthetisches Leben übt seit jeher eine große Faszination auf uns aus, nicht zuletzt aufgrund der Hoffnung, die Grenzen der physikalischen Welt der Materie zu überwinden. Neue Forschungsfelder in den Biowissenschaften gehen über die bloße Veränderung von Lebensprozessen hinaus und zielen auf die Neuschaffung von lebenden Systemen ab. Die Anwendungsfelder der Synthetischen Biologie sind vielfältig: Energieversorgung, Biosensoren, Biocomputer oder auch neuartige Materialien. In Analogie zum Open Source-Gedanken in der Softwarewelt treten die Bewegungen des „biohacking“ oder „biopunk“ für die Freigabe genetischer Daten und der Mittel zu dessen Manipulation ein. Damit verbunden sind natürlich auch rechtliche Fragen, z.B., ob man jemanden führ ein fahrlässiges Biodesign haftbar machen kann. Diese Entwicklungen provozieren auch Fragen zu unserer (biologischen) Identität.

Personale Identität und freier Wille in Science Fiction, Evolutionstheorie und Computerphilosophie (Wolfgang Schinagl)

Personale Identität, Ich-Bewusstsein und freier Wille hängen eng miteinander zusammen. Der Gesetzgeber geht davon aus, dass sich eine erwachsene Person aufgrund des freien Willens für bestimmte Handlungen entscheidet, die ihm auch vorwerbar sind und damit zu strafrechtlichen Konsequenzen führen können. Physische Einzigartigkeit bedingt auch die personale Identität: so stellt das Gehirn eine notwendige Bedingung für diese dar. Psychische Einzigartigkeit einer peresonalen Identität wird durch den Verstand, das autobiografische Gedächtnis und die Emotionalität geprägt. Was den freien Willen betrifft, so hat ein Experiment von B. Libet Anfang der 80er Jahre gezeigt, dass eine Absciht für eine Handlungsentscheidung schon 350 Millisekunden vorher im motorischen Kortex gemessen werden kann, noch lange bevor die Handlungsabsicht bewusst wird (das Gehirn hat also längst entschieden, bevor wir uns entscheiden). Dennoch gibt es Belege dafür, dass der bewusste Wille den Prozess stoppen kann, der freie Wille könnte also das Ergebnis steuern. Der Beitrag fragte schließlich nach dem freien Willen in der SF-Literatur am Beispiel von Stanislaw Lems „Die Maske“, in der es um ein androides Roboterwesen geht, das als weibliches Topmodel getarnt ist und durch einen mörderischen Auftrag programmiert ist. Die computerphilosophische Parabel beschreibt die Unausweichlichkeit der Determinierung durch Programmierung.

Fahrenheit 154 – eine Welt ohne Bücher (Peter Lechner)

In diesem Beitrag wurde das haptische Buch den Chancen bzw. Risiken von e-books entlang einer SWOT-Analyse gegenübergestellt. Verlage benötigen neue Strategien im Umgang mit Mikro-Informationen und neuen Medien. Die Utopie einer Universalbibliothek wäre jedoch auch durch die Digitalisierung nicht umsetzbar – wie mathematisch demonstriert wurde🙂. Eine Gefahr ist, dass umfassendes Wissen zwar vorhanden ist, Menschen aber nicht darauf zugreifen können bzw. es nicht auffinden. Damit hängt auch die Frage zusammen, ob der Trend Richtung intelligente Computer oder aber einer Vermischung von Mensch und Maschine geht, die elektronische Hilfsmittel zur Wissenserweiterung mehr und mehr in Identität und Körperlichkeit integriert.

We ain’t seen nothing yet (Hermann Maurer)

Langfristige Prognosen haben sich historisch selten erfüllt und zeigen Irrtümer (bspw. Städte am Meeresboden), während viele wichtige Ereignisse nicht vorhergesehen werden konnten (Bsp. Wirtschaftskrise). N. N. Taleb nennt in seiner Interpretation der Zufallsereignisse unvorhergesehene, seltene, aber mächtige Ereignissen „schwarze Schwäne“ und glaubt, dass Menschen diese lieber ignorieren (weil es für uns angenehmer ist, die Welt als geordnet und verständlich zu betrachten). Maurer sprach auch einige aus seiner Sicht sich lang haltende Irrtümer der Geschichte an und beschäftigte sich mit den Strategien von Informationsverarbeitung, beispielsweise dem F-Lesen (Seiten werden nicht vollständig, sondern entlang einer F-Figur gelesen), und den daraus resultierenden Veränderungen des Gehirns (vgl. Brabazon, Carr).

Die nächste IRIS-Konferenz wird unter dem Motto „Transformation von Sprache“ stattfinden.

Außerdem wurde ein Call for Papers der Jahrestagung der Gesellschaft für Informatik angekündigt.

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