Versuchungen zu sozialen Netzwerken

Unter diesem Titel fand am 25.1.2011 im Klubsitzungssaal des Parlaments eine Veranstaltung in Kooperation mit der Sozialdemokratischen Parlamentsfraktion statt, die Chancen, Risiken und politische Herausforderungen sozialer Netzwerke unter die Lupe nahm.

Bernhard Jungwirth: Chancen und Gefahren von Online Communities

Das Reden über soziale Netzwerke ist bei Jugendlichen Alltag geworden. Spezifisch für diese Gruppe ist auch die Selbstinszenierung und Identitätsbildung in sozialen Netzen. Eine Untersuchung über Mediennutzungsmotive der 12 bis 24-Jährigen ergab, dass das Internet bei den Informations- und Unterhaltungsaspekten klar die Nase vorn hat. Das Fernsehen ist mittlerweile auf passive Funktionen zurückgedrängt. Die Studie EU Kids Online unterscheidet drei verschiedene Rollen der jungen NutzerInnen: Content (RezipientIn), Contact (TeilnehmerIn) und Conduct (AkteurIn).

Die Risiken in sozialen Netzwerken können kommerzieller, aggressiver oder sexueller Natur sein; auch können sie sich auf Werte beziehen (beispielsweise bei rassistischen Angriffen). Hauptthemen sind die Gefährdung der Privatsphäre, Belästigung, die Frage der Glaubwürdigkeit von Inhalten, ungeeigneter Inhalte oder die Verletzung von Urheberrechten. Weitere Risiken sind eine exzessive Nutzung oder Kostenfallen. Man muss jedoch unterscheiden zwischen Risiken und tatsächlichen negativen Auswirkungen; letztere sind im Internet jedoch oft schwer festzumachen. Beispielsweise sind Probleme bei der Jobsuche aufgrund von Inhalten im Netz schwer zu quantifizieren. Viele Studien erfassen daher eher das Risiko eines Risikos anstelle der tatsächlichen Risiken. Die völlige Eliminierung der Risiken wäre jedoch wie bei allen Bereichen nur zu einem sehr hohen Preis möglich – ein Mehr an Chancen zieht unweigerliche in Mehr an Risiken nach sich. Auch bewegen wir uns in einem ewigen Spannungsfeld zwischen Informationsfreiheit und Schutz der Privatsphäre.

Zukünftige Herausforderungen sind die gezielte Förderung der Medienkompetenz und ein stärker Fokus auf die Jüngsten. „Privacy by Design“ oder „Privacy by Default“ sind Ansätze zur Verantwortung auf der Anbieterseite.

Jana Herwig: Politik trifft Jugend im Netz: Von Missverständnissen und Generationsklüften / Kommunikationsprofis treffen Digital Natives

Medienrevolutionen sind in der Mediengeschichte immer wieder ausgerufen worden, die sog. social media-Revolution ist eine davon. Dabei werden immer mehr Ereignisse des menschlichen Alltags medial produziert und medial erlebt. Informationen können immer kostengünstiger und zugleich immer weniger dauerhaft gespeichert werden. Im Fall des Web 2.0 scheint die Kostenfrage überhaupt irrelevant geworden zu sein. Die Frage, wer publizieren darf, ist demokratisiert worden. Auch die Inhalte differenzierten sich immer weiter aus und erfassten immer mehr Aspekte der Lebenswelt. Dabei bringt das Medium die Struktur des Tagesgeschehens überhaupt erst hervor. Der daraus hervorgehende Ereignistyp kann als „Mikroereignistyp“ (chronologisch sortierte Mikroereignisse) bezeichnet werden.

Die digital natives bewegen sich mit einer Selbstverständlichkeit in ihrer mediatisierten Lebenswelt, die viele Erwachsene jedoch irritiert. Gleichzeitig ist dies nicht gleichzusetzen mit einem selbstbestimmten, reflektierten Umgang bzw. dem medienpädagogisch geprägten Verständnis von Medienkompetenz. Medienkompetenz sollte zum Generationenprojekt werden. Ob politische Partizipation im social web statt findet, ist abhängig davon, ob diese im Offline-Leben eine Rolle spielt. Die Vernetzung von off- und online ist jedenfalls bereits so weit vorangeschritten, dass es sich nicht mehr lohnt, zwischen einer analogen und online-Realität zu trennen.

Elisabeth Hakel: Politische Herausforderung sozialer Netzwerke

Einige Facebook-Nutzungszahlen: 500 Mio. NutzerInnen weltweit, 50 % nutzen es täglich, im Schnitt ist jedeR Fan/Mitglied von 80 Seiten und Gruppen. In Österreich ist jedeR Dritte auf FB. Ein slowakisches Fallbeispiel einer geschickten Marketingstrategie im Internet ist „Sloboda a Solidarita“ (SaS). Ein bisher unbekannter Jungunternehmer gründete eine Partei, bloggte darüber in einem Onlineportal der slowakischen Tageszeitung SME und vernetzte sich so mit politisch Gleichgesinnten. Für ein Referendum (mehr als 400.000 Unterschriften) wurde über Blog und Facebook mobilisiert. 14 Monate nach der Gründung wurde SaS mit 12,4 % drittstärktse politische Kraft in der Slowakei. Was bedeutet dies für die österreichische Politik? Laut Hakel kann man ohne adäquaten Internetauftritt auch in .at nicht mehr Politik machen. Wichtig sei bei politischen Internetauftritten v.a. die Vermittlung der inhaltlichen Ebene.

Johann Maier: Die sozialen Netzwerke aus Sicht des Daten- und Konsumentenschutzes

Probleme bei der Nutzung ergeben sich v.a. durch Undurchsichtigkeit auf Seiten der Anbieter. Viele User sehen sich weniger als KonsumentInnen mit Rechten. Soziale Netzwerke repräsentieren außerdem ein wirtschaftliches Unternehmen, das ein Geschäftsmodell realisiert. User lassen sich aber weltweit nicht mehr alles gefallen und machen in vielen Ländern ihre Rechte gerichtlich geltend, z.B. gegen die Weitergabe personenbezogener Daten ohne Zustimmung oder die Verwendung von Daten von Personen, die keine Mitglieder dieser Netzwerke sind. Die fehlende Datenschutz-konforme Gestaltung sozialer Netzwerke wurde von der Europäischen Kommission kritisiert. Weitere Kritikpunkte sind der Mangel an Transparenz und Rechtmäßigkeit bei der Datenverarbeitung im Netz. In der Realität sind die meisten User mit Fachbegriffen und kompliziert formulierten Nutzungsbedingungen überfordert. Auf dieser Basis kann keinE NutzerIn selbstbestimmt darüber entscheiden, ob er einer Datennutzung zustimmt oder nicht.

Ein weiteres Problem sind Sicherheitsprobleme: Hauptprobleme sind hier Daten- und Identitätsdiebstähle. Im Kontext von IT wird Datenschutz oft anders gesehen (z.B. als Fessel der IT und gesellschaftlich überholt; siehe auch die von Jeff Jarvis angestoßene Diskussion rund um den Schutz der Öffentlichkeit anstelle der Privatheit); was oft dem europäischen Rechtstandard widerspricht. Zu urheberrechtlichen Bestimmungen in sozialen Netzwerken fehlt außerdem eine entsprechende Judikatur. Ein weiteres Problem ist die Verschleierung von Werbebotschaften und Vermischung von Inhalten, was der EU-Richtlinie über unlautere Geschäftspraktiken widerspricht. Bezüglich der Frage Arbeitnehmer und social networks meinte Maier an, dass bei der Novelle zum Beamtendienstrechtsgesetz eine Regelung vorgegeben wurde, die auch für andere Gebietskörperschaften sinnvoll wäre.

Warum ist eine Kontrolle von sozialen Daten in Netzwerken notwendig? U.a., weil die bisherige Rechtslage klar ist: Jede Person hat das Recht, Auskunft über die sie betreffenden erhobenen Daten zu erhalten und eine Berichtigung zu erwirken, was im Bereich der social networks nicht mehr durchgesetzt werden kann. Daher wird die Europäische Kommission die Möglichkeit prüfen, das sogenannte „Recht auf Vergessen zu präzisieren“.

Wolfgang Krammer: Soziale Netzwerke aus der Sicht der Exekutive – risk or fun?

Krammer nannte Beispiele aus der Exekutive, die unter Einbezug von sozialen Netzwerken geklärt werden konnten. Bereits heute ist die Polizei mit dieser kommunikativen Wirklichkeit konfrontiert. Bei der näheren Annäherung zeigt sich eine Janusköpfigkeit dieser Realität: Zum einen leisten globale Netzwerke einen Beitrag zu Demokratisierungsprozessen, v.a. in jenen Ländern, in denen dies ohne technische Möglichkeiten langsamer geschehen würde. Zum anderen bedeutet dies eine Herausforderung für die Exekutive. Delikte in social networks unterscheiden sich jedoch nur geringfügig von jenen in der offline-Welt, z.B. in der Art der Kommunikationsanbahnung. Cybercrime wird auch 2011 ein wesentlicher Schwerpunkt des Bundeskriminalamts sein.

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