Überwachung und Selbstüberwachung

Am 13. Dezember fand im Rahmen der Reihe „Culture of Control“ ein Vortrag von Aldo Legnaro, Sozialwissenschaftler aus Köln, zum Thema Überwachung statt. Nicht nur Regulierung von außen, auch das sich wandelnde Verhältnis von Privat- und Öffentlichkeit sowie Formen der Selbstregulierung und freiwilliger Transparenz waren Thema.

Ökonomie der Aufmerksamkeit und Arten der Überwachung

Technische Möglichkeiten und zunehmende Transparenz führen momentan zu gemischten Gefühlen: Zwischen Coolness und Angst, zwischen Autonomie und Heteronomie bewegt sich die Wahrnehmung technischer Automatismen. Als in den 90ern die „Neighborhood Watch„-Programme in England durchgeführt wurden, hieß es als Antwort auf den Überwachungsbefehl: „Aber wir beobachten unsere NachbarInnen doch schon!“. Zu unterscheiden ist auch zwischen Beobachtung und Überwachung: Beobachtung ist ersmal nur eine methodisch angestellte Erfahrung, der Schritt zur Überwachung ist nicht unbedingt nowendig. Die Dualität der beiden Begriffe wird z.B. in Hitchcock’s „Das Fenster zum Hof“ deutlich. Überwachung wird auch konstruiert und wirkt dann oft wie ein Gesellschaftsspiel.

Legnaro ging auf die verschiedenen Spielarten der Überwachung ein:

  • panoptisch: Wenige beobachten Viele
  • synoptisch: Viele beobachten Wenige
  • polyoptisch: Viele beobachten Viele und
  • post-optisch im Internet.

Die panoptische Gesellschaft bei Foucault stellt ein Modell gesellschaftlicher Fremdbeobachtung dar: das automatische Funktionieren der Macht wird sichergestellt. Experimente wie die aufgemalten Augen auf einer Spendendose (die natürlich zu mehr Spenden führen, nämlich dreimal soviel :-)) sind ein Beispiel dafür, dass schon die reine Möglichkeit des Beobachtetwerdens das Verhalten des Menschen ändert. Und Sontag beschrieb in Bezug auf die Fotografie, dass sich unbeobachtete Menschen etwas an sich haben, das durch Kameras verschwindet. Um dem genauer auf den Grund zu gehen, müssten wir jedoch das Beobachten beobachten🙂 Dass aber mehr Überwachungskameras nicht gleichzeitig zu geringeren Kriminalitätsraten führen, spricht wiederum dagegen. Auch Übersichlichkeit ist dann meist eine Fiktion und konstruiert Transparenz als Herrschaftsmittel.

Panoptismus / Synoptismus / Polyoptismus

Panoptismus ermöglicht ein (Aus)Sortieren des Publikums. Eine Funktion ist die Herstellung von „communities of practice“, also einer simulierten Gemeinschaft. In diesem Zusammenhang interessant: Die Privatheit ist letztlich eine urbane Errungenschaft, am Dorf hingegen spielt die Eindeutigkeit von Zugehörigekeiten als Mechanismus des Vegewisserns und Versicherns eine viel größere Rolle.

Synoptismus begegnet einem u.a. beim Fernsehen, z.B. bei den allseits beliebten Sitcoms. Hier handelt es sich um eine verfeinerte Form der Selbstregulierung: Der/die ZuseherIn betrachtet sich gespiegelt in den ihr/ihm vorgespielten Rollen (eine mediale Steigerung des Panoptismus :-)). Zur Ökonomie der Aufmerksamkeit vgl. z.b. die Arbeit von Georg Franck. Man kann die These aufstellen, dass die gegenwärtige Zeit von einer Mischung aus Angst vor totaler Sichtbarkeit vs. totaler Unsichtbarkeit geprägt ist. Synoptismus meint hier die nach innen geleitete Kontrolle der eigenen Darstellung. So wird die Individualität des Ichs als Produktion dieses Ichs im Blick der Anderen erzeugt (Hier könnte man außerdem kritisieren, dass eine Gleichheit aller in Bezug auf die Darstellungsmöglichkeiten nur suggeriert wird. (Demokratisierungs-Frage)).

Polyoptimus bezieht sich schließlich auf die Beobachtung Vieler durch Viele. Bei Castells gibt es dabei nicht nur einen Big Brother, sondern viele „Little Sisters“. Datensammlungen haben nicht selten eine Ökonomisierung zur Folge. Unter dem Stichwort „Neoliberale Ökonomie“ wird oftmals auch eine Technisierung des Sozialen verhandelt.

Von der Disziplinargesellschaft zum Flexibilitätsnormalismus

Während früher noch normative Vorgaben ein Maßstab waren, spricht man heute von einem Flexibilitätsnormalismus (Jürgen Link), der besagt, dass das Subjekt die Normen selbst produziert. Was nicht bedeutet, dass dies nicht durch externe Signale angeleitet werden kann. Diese verdeutlichen nämlich die situative Angemessenheit (diese ist bei den Digital Natives sicher eine andere als bei früheren Generationen). Was Deleuze als Kontrollgesellschaft (beschrieben über das Bild der Fußfessel) und Leben im Radius bezeichnete, könnte auch hier eine Illusion der Freiheit bedeuten, in der wir uns bewegen.

Das gegenwärtige Subjekt bewegt sich also zwischen Autonomie und Heteronomie. Überwachung und Selbstüberwachung finden trotz der Allgegenwart des Digitalen auch (oder gerade!) im Analogen statt. Ein Phänomen dieser post-optischen Welt ist die Neuadjustierung des Privaten und Öffentlichen.

Privatheit und Öffentlichkeit

Diese Unterscheidung hat sich im 18. Jhdt. herauskristallisiert, und heute lässt sich eine klare Richtung der gesellschaftlichen Entwicklung ausmachen: Die Grenzen der Privatheit verschieben sich. Ein Beispiel dafür ist die allgegenwärtige Nutzung des Mobiltelefons. Wie in Exit Ghost, in dem der Protagonist aus den abgeschiedenen Bergen wieder in die Öffentlichkeit zurückkehrt und von der Selbstverständlichkeit der mobilen Kommunikation überrascht ist, so wundern sich einige manchmal noch über die Selbstverständlichkeit, mit der private Telefonate in den öffentlichen Raum hinausgetragen werden. Geräte machen die Welt für die/den BenutzerIn transparent und umgekehrt.

Tell me where you are – it’s your choice

Das Bekanntgeben des eigenen Aufenthaltsortes auf Sozialen Netzwerken wie Twitter oder Facebook fällt in den Bereich der Geodemography, also der Verknüpfung von Wohndaten mit Daten zum Lebensstil. Auch darin kann man eine Art „soft surveillance“ sehen. Die Schlüsselbegriffe Einsamkeit und Sehnsucht als Wunsch für „connectivity“ überraschen nicht. Heute ist das Bedürfnis nach vernetzter sozialer Kommunikation selbstverständlich. Dies eröffnet aber auch einen Raum für flexible Privatheit und die Pluralisierung des eigenen Raums (der meist akustisch abgesondert ist). Urbane Zivilität bedeutet heute, sich gegenseitig bei gleichzeitigem Respekt zu igonorieren (und das ist im Sinne der Pluralisierung des Raums durchaus positiv gemeint!). Die Regeln des Privaten werden immer dann konstitutiv, wenn sie angemessen erscheinen. Eine These ist, dass die Grenze zwischen Privatheit und Öffentlichkeit weniger durch Technik, sondern durch peresönliche Einstellungen verändert wird. Was öffentlich und privat sein soll, kann und muss heute jedeR für sich selbst aushandeln. Ein Prozess, der auch als Responsibilisierung bezeichnet werden kann, wenn Grenzen freiwillig verschoben werden, um Aufmerksamkeit und Transparenz zu genügen.

Differenz und Selbstvermarktung

Während früher Privatheit als Ideal des Subjekts gelten konnte, betont man heute dessen Besonderheit über Differenz und Singularität. Durch Web 2.0-Dienste haben sich, ökonomisch gesehen, die Produktionskosten der eigenen Selbstvermarktung gesenkt. Selbstüberwachung ist in diesem Sinne die Voraussetzung zur Optimierung der eigenen Darstellung. Die Performanz dieser Ökonomie hat zwei Seiten: Zum einen stellt die theatralische Darstellung des eigenen Ichs eine Leistung dar, zum anderen muss diese Leistung auch dargestellt und theatralisiert werden (das ist es dann, was viele in Sozialen Netzwerken wie Facebook als „Selbstvermarktungsplatz“ wahrnehmen). Selbstvermarktung und kreative Selbstschöpfung gehen im Cyberexhibitionismus (auch hier wertfrei gemeint, Anmerkung d. Verf.) jedenfalls Hand in Hand. Avatare im Internet fungieren als Erweiterung, Maske, aber auch Phantasie der eigenen Identität. Agency kann z.B. über ein Blog hergestellt werden, und je mehr wir unsere Machtlosigkeit angesichts einer unkontrollierbar wirkenden offline-Realität kompensieren müssen, desto personalisierter (Stichwort „customisation“) sind tendenziell unsere Medien.

Cyberkriege und Machtdifferenziale

Die Struktur von Überwachung und Selbstüberwachung im Netz zeigt sich, wenn potentielle KonsumentInnen souverän agieren und z.B. Weltkonzerne in die Deffensive zwängen können. Aktuelles Beispiel ist der Cyberkrieg um Wikileaks, aber auch Demonstrationen sind heute ohne die Komponente des Digitalen schwer denkbar. Dass auch die NutzerInnen hierbei klassifiziert werden, führt zu einer Doppelbödigkeit. Der Begriff des Subjekts war aber immer schon doppelbödig: In der ursprünglichen Wortbedeutung als etwas, „auf das Einfluss genommen wird“, sprach man erst im 18. Jhdt. vom Subjekt als ein Individuum. Durch die zunehmende Digitalisierung ist das Subjekt nun mit einer Art Eindimensionalität konfrontiert, wenn Überraschungen durch die Vorhersehbarkeit digitaler Errungenschaften und Personalisierung (z.B. die personalisierte Zeitung) weniger werden. Das ziellose „Umherschweifen“ wird also weniger. Der Imperativ von Mobilität und Flexibilität verlang Transparenz, damit Verunsicherungen vermieden werden.

Die sanfte Lockung der Coolness: eine andere Privatheit

Disziplin wird im Zeitalter von Digitalisierung und Vernetzung nicht über Zwang erreicht. Es sind die „sanften Lockungen der Coolness“ in Form von smarten Geräten und Diensten, die auch eine/n gehorsamen Konsumenten/in digitalen Lifestyles aus uns machen. Selbstverwirklichung und scheinbare Freiheit sind positive Seiten dieser Entwicklung, und Formen der Transparenz suggerieren eine Kontrolle über Daten. Versuche, die eigenen Nachrichten zu verschlüsseln (siehe z.B. die Internet-Geheimsprache japanischer Jugendlicher) sind Ausdruck des Bedürfnisses, Kontrolle über seine Daten zu erlangen bzw. auch eines Aufstandes.

Dennoch löst sich das Konzept der Privatheit nicht auf, sondern wird anders: Die Vorstellungen von Privatheit werden in jedem Fall in die Technik projeziert (und umgekehrt). Zum Verhältnis von Privatsphäre und Öffentlichkeit sind auch die Gedanken am Blog von Z. Papacharissi interessant, für die die/der moderne BürgerIn allein, aber nicht einsam ist.

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