Politische Bildung im 21. Jahrhundert

Am 11.11.2010 hielt Gertraud Diendorfer vom Demokratiezentrum Wien einen Vortrag im Rahmen der Reihe „Politische Erwachsenenbildung“ der Österreichischen Gesellschaft für Politische Bildung. Unter dem Titel „Politische Bildung als gesellschaftliche Strategie gegen Politikdistanz“ wurden die Voraussetzungen für die* Teilhabe von Individuen an der Gesellschaft diskutiert. Auch läuft Erwachsenenbildung im 21. Jahrhundert unter anderen Vorzeichen, welche die Möglichkeiten politischer Bildung bestimmen.

Der Wert der Mitbestimmung

Laut einer IMAS-Umfrage (Mai 2010) ist für 38 % ein vorbehaltloses Mitwirken der BürgerInnen wünschenswert. Politische Mitbestimmung wird besonders bei Themen wie Zuwanderung, dem Bau von Kraftwerken und EU-Problemen als wichtig angesehen. Bei anderen Problemen ist der Wunsch nach Mitbestimmung wiederum gering – hier möchte man die politischen tasks den PolitikerInnen nicht abnehmen. (Die Möglichkeit, je nach Themen verschiedene Vertretungsgrade und -formen zu wählen, erinnert hier an das Konzept der Liquid Democracy).

Laut der Österreichischen Wertestudie ist nur jedeR zweite mit der Art der Demokratie zufrieden. JedeR fünfte kann sich außerdem einen „starken Mann an der Spitze“ vorstellen, was auf ein autoritäres Demokratieverständnis verweist. Das Eurobarometer 2008 zeigt außerdem die Bedeutung von Vertrauen für die politische Kultur. Für Österreich ist dies besonders stark bei Justiz, Polizei und Bundeheer.

Politisches Interesse junger Menschen

Die JIKS-Studie der Donau-Universität Krems, des ICT&S-Centers der Universität Salzburg und des Demokratiezentrum Wiens (2010) untersuchte u.a. das politische Interesse junger Menschen mit Bezug auf neue Medien. 24,5 % der untersuchten 14-Jährigen zeigen sich hier grundsätzlich interessiert, und die aktuelle Shell-Studie (2010) weist aus, das das Politikinteresse Jugendlicher wieder stark ansteigt, jedoch unter dem Niveau der 70er und 80er Jahre bleibt. Auffalllend ist das große Interesse für neue Formen politischen Engagements im Internet.

Partizipation als Grundrecht

Für die Förderung der Partizipation und einer gemeinsamen Kultur gibt es unterschiedliche demokratiepolitische Begründungen. Rechts- und demokratiepolitisch kann Beteiligung als Grundrecht angesehen werden, auch und gerade für junge Menschen. Diendorfer verwies hier auf die Kindheitsforschung, die Kindern- und Jugendlichen eine veränderte, aktivere Rolle zuschreibt. Laut Pelinka ist politische Bildung intendierte politische Sozialisation. Kinder werden bereits sehr früh politisch sozialisiert, selten jedoch intendiert. Schule und Medien nehmen eine Rolle als sekundäre Sozialisationsinstanz ein. Die Mediensoziologin Hafner weist außerdem einen Zusammenhang zwischen Selbstwertgefühl und politischer Toleranz aus. In letzter Zeit sinkt außerdem der Trend zur Übernahme familiärer Meinungen, was mit der stärkeren medialen Durchdringung unserer Gesellschaft zu tun haben kann. Auch korreliert Medienkonsum mit dem Interesse an Politik.

Politik als „Spiel alter Menschen“

Politische Kompetenz und Vertrauen kann durch demokratische Unterrichtsformen begünstigt werden. Das bedeutet, dass sich auch in der LehrerInnen-Aus- und Fortbildung Kompetenzen verschieben. Je öfter SchülerInnen diskutiert haben, desto ausgeprägter ist in der Regel auch ihr Engagement. Die Forderung der Senkung des Wahlalters wurde entgegen vieler Annahmen von den Jugendlichen selbst angestoßen. Laut einer SORA-Umfrage wird Politik von Jugendlichen zweischneidig eingeschätzt: Zum einen verstehen sie darunter das Lösen von Problemen, aber ebenso ein „Spiel alter Menschen“, das sich nicht um die für sie wichtigen Probleme kümmert. Demokratie allgemein stehen sie daher idealistisch gegenüber, die konkrete Umsetzung ist für sie jedoch desillusionierend.

Active citizenship / citizen education

Politische Bildung stellt im Sinne lebenslangen Lernens auch ein Sozialkapital dar. Der EU-Referenzrahmen für lebenslanges Lernen beinhaltet 8 Schlüsselqualifikationen (für Kinder und Menschen unserer Zeit). Diendorfer strich insbesondere die Bedeutung von Zentren für lebenslanges Lernen heraus, die für die politische Bildung unterstützend wirken. Unter dieser Perspektive kann es eigentlich nur eine Schlussfolgerung geben: Maßnahmen des Bildungsabbaus werden die Ausdrücke eines Demokratiedefizits und -verdrusses verstärken, während politisches Bewusstsein durch Bildung angekurbelt werden kann.

Neue Formen politischer Partizipation

Momentan haben wir es mit einem Nebeneinander unterschiedlicher Formen von Partizipation zu tun. Neue, medial geprägte Formen des politischen Engagements mit flacher Hierarchie (Internet-Protest, Online-Mobilisierung) stehen neben einem nach wie vor autoritär geprägten Politikverständnis. Dementsprechend unterschiedlich sind auch die Meinungen darüber, wie es mit der Demokratie momentan steht.

In der nachfolgenden Diskussion wurde u.a. diskutiert, inwieweit die Verlagerung von Aktivitäten in Netzwerke (anstelle von Institutionen) gewinnbringend sein könnte und inwieweit eine „Elite“ Interesse an der Ausbildung politischen Wissens haben könnte. Einig war man sich jedoch, dass sowohl das Sicherstellen einer vielfältigen Erwachsenenbildungs-Struktur als auch die Unterstützung von bottom-up-Projekten Sinn macht. Jenseits von Parteipolitik sollte politische Bildung jedenfalls das Verständnis von Machtverhältnissen und die Auswirkungen konkreter Politiken fördern.

Eine weitere Erkenntnis dieses Abends war der „saure Radler“, bei dem die Diskussion fortgesetzt wurde🙂


*persönliche, zivilgesellschaftliche und soziale

3 Kommentare

  1. zum #unibrennt Thema:
    #unibrennt hat seit 2009 deutlich dazugelernt. Wo die Medienbrüche und Kommunikationshemmnisse auf dem Weg in die Massenmedien bestanden, bzw Aussen-Kanäle durch Innen-Information verstopft wurden wurde in der #unibrennt session am mediencamp Vienna am 18.09.2010 umfassend aufgearbeitet. Daraus werden sich für zukünftige Organisation über twitter hashtags deutliche Lehren ziehen lassen.
    Die Demokratie hat hunderte Jahre benötigt um sich durchzusetzen, gebt den jungen Menschen doch wenigstens zwei, drei Jahre um die Medienwelt von twitter, standard.at und der Kronenzeitung effizient aneinander zu schweisssen – viel länger wird’s vermutlich nicht dauern …
    :-))
    Michael Moser

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    1. Du hast ja so recht – sollten daher das Zitat „Die Ungeduld ist die einzige Eigenschaft der Jugend, deren Verlust man im Alter nicht beklagt.“ anpassen oder sind wir noch jung und ungeduldig ….😉

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  2. @mimoser: alle weiteren Informationen zur Verstopfung der Aussen-Kanäle durch Innen-Information interessieren mich sehr, bzw. natürlich auch Material zur mediencamp-Session.

    Zwei bis drei Jahre sind aber doch ein sehr optimistischer Ansatz – und das sage ich obwohl ich jung und geduldig bin🙂

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