Politik im Netz – Wo bleibt die Systemrelevanz?

Anlässlich 1 Jahr unibrennt sind die Studierendenproteste und damit die Themen Politik im Netz und elektronische Partizipation wieder nicht nur in allen Mündern, sondern auch in allen Medien. Im Mittelpunkt steht u.a. die Frage, inwieweit sich Protest und politische Mitbestimmung durch Soziale Netzwerke verändert haben.

Meinungsbildung und strukturelle Organisation in Sozialen Netzwerken

Eine FM4 Homebase am 21.10. zum Thema „Protest im Netz“ mit Robert Zikmund, gestaltet von Michael Schmid, beschäftigte sich mit dem Wandel der Öffentlichkeiten und der Verlagerung der Meinungsproduktion in das Internet. Dies hat wiederum einen Umbau der Medienlandschaften zur Folge, denn Information wird nicht mehr streng hierarchisch (top-down) produziert. Und die meinungsbildende Kraft von Sozialen Netzwerken haben mittlerweile auch Politik und Unternehmen klar erkannt.

Im Unterschied zu bestehenden Netzwerken wie Telefonlisten etc. hat das Internet die Möglichkeit politischer Beteiligung radikal verändert. Die Abstufungen der verschiedenen Proteste sind so fein, dass man zwischen „MitläuferIn“ und „Hauptprotest-TeilnehmerIn“ nicht mehr unterscheiden kann. Tools wie Facebook oder Twitter unterstützen die zunehmend vernetzte Kommunikation. Jana Herwig streicht in diesem Zusammenhang die Möglichkeit strukturellen Organisation über „Hashtags“ (#) heraus. Um überhaupt an die Öffentlichkeit zu treten, sind heute geringere Mittel notwendig, auch können sich in dieser Situation marginalisierte Gruppen besser zusammenfinden.

Zwischen Slacktivism und Carrotmobs?

Kommt die neue Art des Widerstands im Netz an die gesellschaftliche Relevanz der früheren Bewegungen heran? Erleben wir ein Zeitalter des Slacktivism (ein Begriff bestehend aus „Slacker“ und „Activism“, der Maßnahmen beschreibt, die sich zwar gut anfühlen, aber bis auf Gewissensberuhigung und die Beruhigung von Profilneurosen nur wenig und gar keinen praktischen Effekt haben – Herwig kritisiert an diesem Begriff die strikte Trennung zwischen online und real)? Wie wirksam ist also heute politische Beteiligung im Netz? Eine Frage, die aufgrund der momentanen kulturellen Veränderungen nicht statisch beantwortet werden kann – schließlich hängt vieles auch davon ab, welchen Stimmen Politik und Regierung Gehör verschaffen wollen.

Es lässt sich aber festhalten: Einerseits bestehen mit zunehmender Vernetzung und der „Convenience“ der Netzkommunikation mehr Möglichkeiten zur politischen Beteiligung (auch im Zusammenhang mit der Intensivierung von Kontakten oder Umwandlung von Kontakten zu Freundschaften), andererseits ensteht auch eine neue Unübersichtlichkeit. Für Jeffrey Wimmer haben die neuen sozialen Bewegungen eines noch nicht geschafft: In die etablierten Arenen der Politik zu kommen, die sich seit den 90er Jahren etabliert haben – also eine Einwirkung auf den politischen Prozess zu erreichen. Dazu passen die sogenannten Carrotmobs (eine Unterform des Smartmobs) – hier wird ebenfalls kein Krieg gegen das System geführt. Im Web 2.0 sind darüber hinaus nur 10 – 15 % wirklich aktiv, der Rest ist zu den sogenannten „Lurkers“ zu zählen. Die Effizienz, dass ein Großteil der Leute aktiviert wird, stellt daher nach wie vor eher die Ausnahme dar, auch wenn letztlich auch der Lurker einen entscheidenden Anteil an erfolgreicher Mobilisierung haben kann.

Freiwillige Transparenz und Aktivität

Während früher noch die Anonymität der Onlinewelt als politische Chance gesehen wurde (z.B. für ein Spiel mit Identitäten), so ist jetzt ein Trend in Richtung freiwillige Transparenz und unterhaltsamer Protest zu beobachten. Mit dem Aufkommen von eCommerce organisieren sich nicht mehr die alternativen Öffentlichkeiten, sondern kommerzielle Interessen. Die sozialen Netzwerke haben gegenwärtig Monopolstellungen, sie produzieren aber auch (durch den logistischen Vorteil der Echtzeitkommunikation) Plattformen für politischen Widerstand.

Viele NutzerInnen zeigen sich ganz offen im Netz und geben enormes Wissen preis, weshalb der Medienwissenchaftler Ramón Reichert auch empfiehlt, zu „taktischen Subjekten“ zu werden. Voraussetzung dafür ist ein reflektiertes Medienbewusstsein: wir müssen uns nicht souverän und autonom bewegen, sondern taktische Verhältnisse zu den neuen Medien aufbauen, d.h. nicht in eine „naive Identitätsfalle“ fallen.



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