Wikipedia ein kritscher Standpunkt, Tag 1

Samstag, 25. September 2010
Leipzig
Auf dem Blog der Konferenz finden Sie weiter Informationen: http://www.cpov.de/

Blogeintrag zum 2ten Tag.

GESCHICHTE UND POLITIK FREIEN WISSENS

Ulrich Johannes Schneider, Produktionsformen vernetzten Wissens

… Produktion von Enzyklopädien bieten Wissen in kurzer, prägnanter Form an. Sprachlich sind sie so geschrieben, dass auch Nicht-Experten Texte verstehen können. Enzyklopädien sind keine wissenschaftlichen Texte. Im redaktionellen Prozess  werden Texte verkürzt, was immer Grund zur Diskussion zwischen Redaktion und Autoren führt. Enzyklopädien haben in der Geschichte nur finanziell überleben können, wenn sie es schafften einen fixen Kundenstock zu generieren.

Felix Stadler, Vom freien Wissen zur demokratischen Wissensordnung

Bei Wikipedia soll man nicht von einem Ideal ausgehen, sondern davon, welche alternativen in der Gesellschaft angeboten werden. In sozialen Netzwerken gibt es eine starke Differenz zwischen einem offenen, flachen Front-End und einem hierarchischen, zentralen Back-End. An den Back-Ends entstehen Wissensmonopole, die Macht konzentrieren und kommerziell genutzt werden können.
Wir funktioniert Wikipedia als demokratische Wissensplattform? Wikipedia entstand unmittelbar nach dem der Dot-Com-Boom vorbei war. Wikipedia hatte nie den Druck die User zu kommerzialisieren. Finanzierung findet unter anderem über Spenden statt. Das Nutzer-Interface ist nicht auf Nutzerfreundlichkeit ausgelegt. Die Anzahl der Bearbeitungen pro User nahm seit der Gründung stark ab. Somit geht Wikipedia von ‚wisdom of the crowd’ in Richtung ‚elite users’. Wikipedia hat kein Data Mining und kein User Profiling im Back-End. Wikipedia produziert kein proprietäres Wissen; selbst die Plattform (Wikimedia) ist Open Source.
In Wikipedia hat minoritäres Wissen Platz, dennoch finden Relevanz Diskussionen statt. Ist die deutsche Wikipedia eine deutschsprachige Wikipedia oder die Wikipeda Deutschlands? Österreichische und schweizerische minoritäre Themen werden heftiger im Bezug auf Relevanz diskutiert als deutsche minoritäre Themen.
Die Probleme in Wikipedia sind bekannt und werden allgemein diskutiert. Das ökonomische Model der Wikipedia zwingt zu stetigen Anpassungen damit sich die Frustration der User und Autoren in Grenzen hält.

Christian Stegbauer, Wikipedia – Von der Befreiungs- zur Produktideologie

Die Grundidee ist, dass, wenn jeder sein Wissen beiträgt, alles Wissen der Welt zusammengetragen werden kann. Wikipedia trägt zur Befreiung vom Copyright ebenso bei wie zum Aufbrechen der Wissensautorität. Die Befreiungsideologie wird insbesondere beim Spendensammeln in den Vordergrund gestellt.
Sobald ein Grundstock von Artikeln in Wikipedia vorhanden war, galt es die Qualität zu verbessern. Als Konsequenz waren nicht mehr alle als Autoren willkommen sondern nur noch ‚gute’ Autoren. Das Produkt musste verbessert werden. Wikipedia ist nicht demokratisch strukturiert, weil Wissen nicht demokratisch strukturiert ist. Das bildet sich auch in der Organisationsstruktur ab. Diejenigen, die sich in der Wikipedia Community aktiv engagieren, haben mehr Einfluss auf die Enzyklopädie, als Autoren, die sich nicht in diese Community einbringen wollen, und sich über die Befreiungsideologie motivieren. Spannungen herrschen zwischen Administratoren, Qualitätssicherer, Vandalenjägern … zwischen den verschiedenen Gruppen, die aktiv Wikipedia gestalten. Der Ideologiewandel innerhalb Wikipedias spaltet die Community in Realisten und Idealisten. Eine Verschiebung von Befreiungsideologie hin zu Produktideologie ist erkennbar, wobei beide Teile der Wikipedia waren/sind/bleiben.

DIGITALE GOVERNANCE

Ramón Reichert, Wikipedia: Die Wissenspraktiken der Self-Governance

Wikisysteme stehen für offene, kollaborative Arbeitsumfeld, die auf Eigeninitiative der Beteiligten abzielen. In einem Common Space werden die Produkte der Allgemeinheit frei angeboten. Dies entspricht nicht dem klassischen Wertschöpfungsmodell, in dem MitarbeiterInnen auf Grund von Arbeitsanweisungen Produkte schaffen bzw. sich an der Produkterzeugung beteiligen. Komplexe Aufgaben können bei Wikipedia schnell erledigt werden, da jeder Teilnehmer sein Wissen und seiner Fähigkeiten sofort einbringen können, ohne hierarchischen Arbeitsstrukturen folgen zu müssen. Kontrolliert wird nicht nur von explizit Verantwortlichen, sondern von allen Teilnehmern.
Wie können, jenseits der Softwareproduktion, die Wertschöpfungsketten der Wikipedia in herkömmlichen hierarchisch strukturierten Unternehmen, solche Wertschöpfungsketten etabliert werden? Konsumenten sollen in die Wertschöpfungsprozesse von Unternehmen inkludiert werden. Das Internet ermöglicht Skaleneffekte in Co-Produktion (Thema: Crowd Sourcing). Mit dem Konzept der Self-Governance soll erklärt werden, wie nicht-kommerzielle Produktionen überhaupt möglich sind. Meist sind bei Self-Governance intrinsische Motivationsfaktoren ausschlaggebend. …

Leonhard Dobusch, Non-Profit Franchisenetzwerke und digitale Gemeinschaften: Wikimedia und Creative Commons im Vergleich

Digitale Gemeinschaften, unterschiedliche zu nicht-digitalen Gemeinschaften, haben sehr schnell transnationale und transkontinentale Dimension, die im Bezug zur Governance relevant sind. Mitgliedschaften in Organisationen sind nicht mit Mitgliedschaften in der Community gleichzusetzen: z.B. formale Mitgliedschaftsregeln vs. Mitgliedschaft durch Selbstidentifikation, implizierte Hierarchie va. Implizierte Egalität.
Wikimedia und Creative Commons stellen Rahmenbedingungen mit dem Ziel der Föderung von Allmenden, digitalen Güter. Creative Commons hatte sowohl politische Ziele als auch technische Lizenzfragen zu behandeln. Creative Commons hat innerhalb kurzer Zeit Lizenzprodukte für verschiedenste Länder herausgebracht. Sobald das erledigt war, war galt es noch die Produkte zu etablieren und propagieren. Eine ähnliche Entwicklung wie im Vortrag zuvor, von Befreiungs- zur Produktideologie, ist zu erkennen. Wikipedia setzte sich erst durch die Gründung der Wikimedia Foundation durch. Nationale Organisationen gründeten sich nach Absprache mit Wikimedia Foundation, wobei ich das deutsche Beispiel zum Rolemodel entwickelte. In der Wikimedia sind Menschen stimmberechtigt, die nicht Mitglied der Organisation sind. Wikimedia begann als vages Projekt und hat sich durch die Entwicklung immer stärker konkretisiert.

Christian Pentzold, Gemeingut-Regime: Wie die Wikipedia ihre Inhalte schützt

Informationen sind nicht stofflich, nicht verbrauchbar, können vervielfältigt werde, etc. Sind sie deshalb öffentliches Gut? Erschaffer von Informationen wollen hingegen oftmals Gegenleistungen für ihre Leistungen. Informationen werden oft mittels rivalen Trägern (Bibliotheken, Bücher, etc.) transportiert, doch digitale Informationen fordern neue Betrachtungen. In Wikipedia steht Information freu zur Verfügung, doch diese Informationen werden von verschiedenen Menschen erstellt, wodurch Informationen eines Users von anderen Usern verändert werden können. Um Edit-Wars und Vandalismus vorzubeugen werden Artikel geschützt; das bedeutet, dass Artikel nicht mehr verändert werden können. Dies sollte bei Wikipedia die Ausnahme sein, scheint aber derzeit notwendig zu sein. Vandalisierte Artikel standen 2007 durschnittlich für ca. 2min auf Wikipeida, da ‚umkämpfte’ Artikel von mehreren Admins unter Begutachtung sind. Mehr Informationen dazu und Daten zu Editierungen in Wikipedia gibt es auf der Website des jungen Forschers.

WIKIPEDIA UND (POLITISCHE) BILDUNG

Peter Haber, Zur Quellenkritik von Wikipedia. Ein Forschungsbericht

… Bei einem Forschungsseminar der Universität Wien zum Thema Didaktik und digitale Medien haben WissenschfterInnen Inhaltsanalysen im Vergleich der deutschen und englischen Wikipedia gemacht. Es wurde davon ausgenommen, dass Präsentation und Qualität in den beiden Wikipedien unterschiedlich sind. Der Brockhaus und weitere Werke je Themengruppe wurden hinzugezogen. Qualitätskriterien waren nicht objektivierbar: Richtigkeit, Objektivität, Sachlichkeit, Verweise, Aktualität, Orthographie, Lesbarkeit, Illustrationen, Pluralismus, Chronologie, Gliederung. Es wurde der Eintrag als solches beschrieben (wie ihn User sehen) und die Metadaten. 20 Texte wurden untersucht.
Trends: Länge korreliert nicht mit Qualität, englische Einträge meist länger als deutsche, englische Einträge oft besser strukturiert, kaum sprachlich übergreifende Literaturrezeption (Literaturlisten sind zwar mehrsprachig, aber Detailverweise im Text beziehen sich meist auf ein Buch in der Sprache des Artikels). Die Zahl der Edits sind nicht zwingend aussagekräftig, pro Artikel sehr wenige Power-Autoren (mit vielen Edits), Diskussionsfreudigkeit ist sehr unterschiedlich, Abgrenzungsfrage ist zentral (was gehört zum Artikel?). Einigen Autoren ist die Relevanz bestimmter Artikel bewusst (Bsp. Französische Relevanz im Bezug auf Schule).
Inhaltsanalyse: Wikipedia wird als Einstieg in Themen oft verwendet, doch dies ist vom Redner mit Jein zu beantworten, weil es vom Artikel abhängt und Texte funktionieren oft, auch wenn sie formal korrekt sind, als Einstieg in Themen. Im Thema ‚Cold War’ sind nationale Gewichtungen festzustellen. Oft werden Trivialitäten hervorgehoben, während Fakten zurück bleiben. Doppeldeutigkeiten sind oft irreführend, weil z.B. ‚Imperialismus’ sowohl die historische Epoche und das Machtverhältnis zwischen Staaten, als auch ein Computerspiel beschreibt. Zitierverbot sollte laut Redner es nicht geben, aber der Redner verlangt Erklärungsbedarf beim Zitieren (aktuelle, besser/detaillierter beschrieben); hier gibt es unterschiedlichste Standpunkte (!). Zitiert werden soll mit Permalinks. Alle Fächer müssen sich mit Wikipedia als Rechercheinstrument und Quelle auseinandersetzen.

Timo Borst, Medienkompetenz und Wikipedia

Web 2.0 verbindet partizipative und kollaborative Methoden mit einer niedrigen Einstiegsschwelle (auch für Nicht-TechnikerInnen). Merkmale: spontan, relativ unsystematisch, semi-professionell, teilweise anekdotisch. Schlagwortvergabe ist gruppenbezogen und beruht auf individuellen Zuschreibungen. Es gibt immer NutzerInnen, die anders verschalgworten würden.
Wikimedia enthält postmodernes und diskursives Wissen; es gibt soziale Aushandlungen von Wahrheiten. Andererseits gibt es klassische Formen der Wissenslegitimation und Qualitätssicherung.  Merkmale von Wissen im Web 2.0: nebeneinander mehrerer Wissensformen, Popularisierung diskursiven Wissens, Ungewissheit. Letzteres nimmt tendenziell zu bei fortschreitender Informiertheit. Ungewissheit gewinnt im Web 2.0 neue produktive Formen.
Im Unterricht werden Web 2.0 verstärkt verwendet. Gängige Verfahren des Wissenserwerbs werden verkürzt (Information von Peers oder über das Web).  In der Mediendidaktik muss die Ungewissheit thematisiert werden; dazu muss Risikokompetenz erlernt werden (Gefahr, Risiko, Wagnis).

Ute Demuth (Jöran Muuß-Merholz), Das Kontroversitätsgebot und anderes: was politische Bildung und Wikipedia voneinander lernen können

Politische Bildung soll Demokratieverständnis vermitteln und sollte Teil des lebenslangen Lernen sein. Ziel sind mündige und aufgeklärte BürgerInnen. Politische Bildung soll Interesse und Partizipation gefördert werden. Frau Demuth hat vor allem ältere Menschen, welche Bildungsurlaub machen, in ihren Kursen.
Wikipedia ist Inhalt der Seminare (Informationsquelle, kollaboratives Lernen, wie funktioniert Wikipedia). Es gibt KursteilnehmerInnen die Wikipedia nicht kennen oder eine sehr einseitige Meinung dazu haben. Gemeinsamkeiten zwischen politischer Bildung und Wikipedia sind unter anderem: Beteiligung und Gemeinwohl. Beteiligung: Wieso soll man sich beteiligen? KursteilnehmerInnen denken, es hat sowieso keinen Zweck, und sie wünschen sich Orientierung in der beschleunigten Gesellschaft. Eigenes Handeln und Gemeinwohl: nutzen und kritisieren. In Wikipedia kann der Laie zu Experten werden, wodurch sich Rollen auflösen. Auch im Lernen verändern sich traditionelle Rollenbilder. Lehrende sind zunächst Lernende, lernen heißt zunächst verlernen (altes Wissen), politische Bildung muss eine Position zum Kulturellenwandel haben.
Cf. All Our Yesterdays auf Shapiros Website

2 Kommentare

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