fe|male: Web 2.0 in der Schule

Web 2.0-Tools halten nach und nach Einzug in Schulen. Können die davon ausgehenden Impulse aber auch das Potential enthalten, eine männlich dominierte Technologiegestaltung zu „vergendern“? Diese Frage war u.a. Thema der fe|male-Tagung am 10.9.2010 in Purkersdorf.


Sabine Zauchner (Donau-Universität Krems): Partizipation und gendersensible Gestaltung von Web 2.0-Lernszenarien

Knapp 98 % der SchülerInnen nutzen Web 2.0-Technologien. Der Ausgangspunkt für das partizipative Projekt „fe|male“ an der Donau-Universität Krems war, wie dieses Potential für die Schule genutzt werden und ob dies auch einen „passage point“ für Mädchen darstellen kann. Im Projekt wurden Technologien von SchülerInnen und LehrerInnen auf deren Nutzen für die Schule hin evaluiert, was sowohl durch Workshops als auch Interviews mit LehrerInnen geschah. Auch zur Dokumentation wurden Web 2.0-Tools eingesetzt. Die Evaluierung ergab positives Feedback, riesiger Enthusiasmus war von Seiten der SchülerInnen aber nicht vorhanden.

„Keep out!“

Eine wesentliche Botschaft der SchülerInnen war, dass Web 2.0-Inhalte nicht im Schulkontext geteilt werden wollen. Das impliziert, dass reine Top-Down-Szenarien selten erfolgreich sein werden. Ein problematischer Aspekt des Projekts war die organisatorische Einbettung in den Schulalltag – Hindernisse waren z.B. Ressourcenknappheit oder die unterschiedliche technische Ausstattung; Erfolgsfaktoren hingegen die Entscheidungsfreiheit der SchülerInnen bei der inhaltlichen Gestaltung, Gruppenarbeiten sowie ein klares Commitment durch die LehrerInnen. Insgesamt waren Mädchen motivierter und aktiver. Gerade der Aspekt der Selbstorganisation und Teamarbeit war – besonders aus Sicht der LehrerInnen – für weibliche SchülerInnen sehr spannend, obwohl hinsichtlich der Selbsteinschätzung wenig Unterschiede vorhanden waren. Auf Basis dieser Erfahrungen sind drei Best Case-Projekte durchgeführt worden, die von SchülerInnen präsentiert wurden.

Web 2.0 in der Schule – Best Practise-Projekte

„Großstadtwahrnehmung“ – Lan Vi Nguyen, Jacklin Kanagaratnam und Melina Kaiser, Marie Curie Oberschule Berlin

„Es ist jetzt eigentlich nicht so, dass man mit Jungs gar nicht arbeiten kann.“

Das Ziel des mehrwöchigen Projektes war die Vertiefung der Medienkompetenz über die Integration der Web 2.0-Erfahrungen in den Deutschunterricht im Rahmen eines Filmwettbewerbs. Das Thema des Films war „Auf 4 Pfoten durch Berlin“, wobei Wikis und interaktive Medien zur Produktion eingesetzt wurden.

„Chemie-Olympiade“ – Julia Schnöll, Bogart Matthias, Heidinger Karolina, BG|BRG Purkersdorf; Ines Angerer und Max Mathot, Marie Curie Oberschule Berlin

Die Chemie-Olympiade ist eine Begabtenförderung in den Naturwissenschaften. Web 2.0-Projekte wie ein Chemie-Wiki wurden hier aus Zeitgründen abgebrochen, jedoch wurde ein länder- und fächerübergreifendes Forum umgesetzt. Als Nutzen des Projektes nannten die SchülerInnen Kommunikationsförderung, Herausforderungen bei der Recherche und den Experimentcharakter von Web 2.0 im Unterricht.

„Menschenrechte“ – Sofia Stolz, Xenia Miklin, BG und BRG Rahlgasse

SchülerInnen beteiligten sich an der Produktion von Filmen zum Thema Menschenrechte. Das fächerübergreifende Projekt hat den Hauptpreis in der Kategorie Medienbildung des media literacy awards gewonnen. Die Filme wurden anschließend in Wikis aufbereitet.

Heike Wiesner (FHW Berlin): Kompetenztranfer an (Hoch)Schulen

Weibliche Schülerinnen mit Migrationshintergrund (ca. 15 Jahre) schulten Studierende an der HWR Berlin zum Thema Social Software im Unternehmenskontext (z.B. Wiki-Technologie). O-Töne der TeilnehmerInnen waren:

„Ich denke, […] die Studierenden akzeptierten, dass wir auf dem Gebiet der Wiki-Technologie Experten waren.“ (SchülerIn)

„Die meisten der Schüler-Lehrer waren Jungen, aber ich kenne mittlerweile eine Menge Mädchen, von denen ich im IT-Bereich etwas lernen kann, wie z.B. hier.“ (Studierender)

Hands-on Workshop: Lernen und Lehren mit Wikis

Der Workshop wurde von SchülerInnen mit Unterstützung einer Beratungsagentur aus dem Bereich Web 2.0 durchgeführt. Nach einer kurzen Vorstellung der Wiki-Charakteristika wurden Texte im Mediawiki erstellt und dabei u.a. urheberrechtliche Fragen thematisiert. Für PädagogInnen relevant: Die Darstellung der Versionen eines Artikels bietet trotz des gemeinsamen Arbeitens am Text eine „Kontrollfunktion“.

Podiumsdiskussion: Buben fördern – Mädchen fordern: Das neue Credo in der Gender und IKT-Debatte?

Prof.in Dr.in Barbara Schwarze, FH Osnabrück; MRin Dr.in Doris Guggenberger, bm_ukk; Dir. Mag.a Irene Ille, BG|BRG Purkersdorf; Cathrin Krenz, Marie-Curie Oberschule Berlin; Julia Schnöll, BG|BRG Purkersdorf

A fool with a tool is still a fool.

eLearning und Computertechnologien sollten vor allem Mittel zum Zweck sein – so sieht das auch eine Schülerin des BRG Purkersdorf: Zuviel Technologie kann sonst vom Eigentlichen ablenken. Für Direktorin Ille bleiben Investitionen in diesem Bereich wichtig, müssen jedoch auf deren Sinn und die Relevanz hinterfragt werden. Auch Nachhaltigkeit hänge schließlich mit Sinnhaftigkeit zusammen. Geschlechter-Unterschiede in der Motivation sind laut Krenz auch ein zeitlich bedingtes Phänomen und können je nach Schulstufe variieren.

Mehr Mädchen in die Technik, mehr Burschen für Sozialarbeit

Damit sich Mädchen nach den Projekten auch für eine technische Ausbildung interssieren, ist es wichtig, in einem zweiten Schritt den Bezug zu beruflichen Perspektiven zu schaffen (z.B. über Mentoring-Projekte). Laut Studien sind Mädchen bis zum Alter von 13 für Technik zu begeistern, danach kippt diese Tendenz. Gleichzeitig sind etwa 70 % in den letzten beiden Klassen in Bezug auf die Ausbildungswahl noch unentschlossen. Neben der Umsetzung von Chancengleichheit zeigen sich hier für Wirtschaft- und Industrieentwicklung Potentiale, Mädchen zu mobilisieren. Aber auch Rollenbilder und Möglichkeiten für Burschen müssen flexibler werden, z.B. im Hinblick auf soziale Berufe. In Gender-Projekten können in erster Linie Handlungsmöglichkeiten erprobt – und nicht bestehende Interessen umgepolt werden.

Strategische Integration von Technikkompetenzen

Die Nutzung von Web 2.0-Angeboten ist nicht mit Medienkompetenz gleichzusetzen. Schwarze postuliert, dass wir ohne eine strategische Berücksichtigung dieses Themas wichtige Kernkompetenzen (z.B. kollaboratives Arbeiten in neuen Medien) und Innovationspotentiale verschenken und sieht daher großen Handlungsbedarf. So könnten kommunikativ-gestalterische Aspekte als Gegenpol zu klassischen Konsumaspekten über die Schule transportiert werden.

Link zum Projekt:

www.fe-male.net

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