Abschlussevent Zukunftsweb

Können wir uns ein Leben ohne Internet vorstellen? Das war die Einstiegsfrage zur Podiumsdiskussion am 1.7.2010 im Rahmen der Abschlussveranstaltung der Reihe Zukunftsweb (#zweb10), die sich mit den Chancen und Risiken des „Web 3.0“ beschäftigt*. Im Filmmuseum wurden außerdem Kurzfilme – weniger zum Thema Internet als zum Genre Zukunft – gezeigt sowie der Begleitband „Zukunftsweb“ präsentiert. Über 20 AutorInnen zeichnen darin in einer essayistischen Momentaufnahme ihre Visionen des Internets der Zukunft.

Auch wenn man bei Diskussionen um gesellschaftliche Veränderungsprozesse durch das Netz, wie immer man es gerade benennen mag, immer einen gewissen Überenthusiasmus erwarten darf, wenn Twitterati und WebenthusiastInnen des Landes am Podium sitzen, so bot die Diskussion an diesem Abend doch streckenweise einen kritischen Querschnitt rund um die Frage der Zukunft des Internets unter einer sehr regen Beteiligung des Publikums.

Es diskutierten

  • Patrick Dax (ORF Futurezone)
  • Rudolf Felser (Online-Chefredakteur Computerwelt.at) („Ist das Semantic Web nur mehr eine Brücke für die aussterbenden Digital Residents?“)
  • Jan Hackl (Medieninformatik TU Wien, Gameentwickler, Broken Rules-Gründer („And yet it moves“))
  • Luca Hammer (Ideenschmiede Mehrblick, Blogger, Blögger-Initiative)
  • Jana Herwig (Medienwissenschaftlerin, Institut für Theaterwissenschaft in Wien)
  • Andreas Langegger (Johannes Kepler-Universität Wien, IT-Berater)

Semantic Web und politische Communties

Peter Martos von der Presse („Im Web der Zukunft haben die Wulffs dieser Welt keine Chancen mehr.“) spannte zu Beginn einen – literarisch aufbereiteten – Bogen von der Multitaskingfähigkeit seiner Tochter über Okopenko als Erfinder der Hypertextliteratur, dem Semantic Web, der Vision von 1985, der deutschen Bundespräsidentenwahl und der Alltäglichkeit neuer Formen des Webs. Wenn das www unsere Logik und Geschäftsprozesse revolutioniert hat, dann stünde mit dem Semantic Web nicht mehr das Chaos von Informationen im Vordergrund: Der Semantic Web Agent ist in der Lage, die vom Menschen vorher definierten Ergebnisse zu produzieren.

Entwicklung von Online-Medien und deren kulturelle Bedeutung

Im Folgenden einige Statemens der DiskutantInnen zum Thema „Wie wird das Web in 10 Jahren aussehen?“

Langegger vermutet, dass 2020 alle mobil Zugang haben werden – eine Opt-Out-Option sei dann nicht mehr möglich. Dennoch werden wir uns nach wie vor vor dem „online-sein“ zurückziehenkönnen. Er sieht im Internet ein organisatorisch bedingtes demokratisches Medium, was in politisch zensurierten Ländern gleichzeitig schwierig sein kann. Hammer unterscheidet zwischen Web (als Medium) und Internet (als Struktur). Letzteres unterstützt Identitätskrisen, was zu einem wesentlichen Problem in der nächsten Zeit führen könnte. Zentralisierung und Gegenbewegungen sind gleichermaßen vorhanden. Herwig hält den Blick in die Zukunft generell für etwas unseriös. Im Zukunftsweb sind wir dann angekommen, wenn die die Kontextualisierung als Zukunftsweb gar nicht mehr benötigen🙂 Interessanter wäre die Frage, was nicht passieren sollte. Das datengetriebene Web enthält einerseits viele wünschenswerte Versuche, Daten zur Verfügung zu stellen (Linked Data Project, Open Data). Andererseits scheint die Datengenerierung selbst ein Selbstläufer zu sein (kommerzielle Nutzung, personenbezogene Daten). Wünschenswert wäre es, wenn wir im Web weniger Kommerzialisierung vorfinden würden. Auch Rudolf Felser befürchtet diese starke Kommerzielisierung. Besonders spannend für ihn die Frage, ob Papiermedien in der jetzigen Form überleben werden. Für Patrick Dax („Vernetzung und Kollaboration werden in das Gewebe des Alltags Einzug halten.“) wird das Internet dann verschwinden, wenn es in unseren Alltag aufgehen wird. Jan Hackl, der im spielerischen Sektor mit neuen Technologien experimentiert, sagt einfach ein „buntes“ Internet voraus. Außerdem sind Trends wie Public Funding vielversprechend.

Diskussion

Interessant war insbesondere die Kritik an der Zuschreibung von demokratischen Strukturen. Viele würden nicht mehr daran denken, komplexe und komplizierte Dinge vorzutragen, wenn jedeR UserIn selbstverständlich zu Wort kommt. Letztlich bleibt dies aber die alte Diskussion rund um die Einführung neuer Medien, in der symptomatisch ein Kulturverfall befürchtet wird, über die wir irgendwie auch an diesem Abend nicht

hinauskommen. Unabhängig davon sind Aspekte wie die Gefahr eines sich steigernden Aufmerksamkeitsdefizits, einer Pseudo-Demokratisierung des Netzes, der Verantwortung durch den Staat, der Netzneutralität und eines Generationenkonflikts wesentliche Zukunftsthemen, die einmal mehr das „Wie“ vor dem „Was“ betonen. So wird die Frage nach der Ressource oft ausgeblendet (siehe die

Einführung von Netzfiltern laut Beschluss des Europäischen Parlaments).

Nicht welche Medien, sondern wie wir diese eigenverantwortlich nutzen, wird die Nutzungsgewohnheiten der nächsten Jahre wesentlich bestimmen. Wir fällen die Entscheidung, wem wir wo unsere Aufmerksamkeit widmen und welches Wissen aus dem Netz wir verarbeiten, mehr und mehr selbst. In diesem Sinne: Schön, dass Sie bis hierher gelesen haben🙂

*) Weitere Aktivitäten, z. B. im Bereich Open Data and Open Government, sind geplant. Zur Zukunft des Projekts: www.zukunftsweb.at

Links

Fuglewicz-Bren/Kaltenböck/Friesinger/Thurner/Semantic Web Company: ZukunftsWebBuch 2010: Chancen und Risiken des Web 3.0

Small/Vorgan: iBrain (Zur Diskussion um die Frage nach veränderten Gehirnstrukturen, e-literacy etc.)

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