Aktive Spinne oder hilflose Fliege? Bewegen im Sozialen Netz

Am 28.4.2010 fand die Blue Hour des Alumni-Clubs der Donau-Universität Krems im Leopoldmuseum statt. Der Abend befasste sich mit der Frage der Nutzung, der Reputation im Internet und den Veränderungsprozessen in der Gesellschaft, insbesondere in Berufssparten, die mit Personengruppen und Öffentlichkeit zu tun haben.

Es diskutierten Judith Denkmayr (Geschäftsführerin von Digital Affairs), Peter Parycek (Leiter des Zentrums für E-Government) und Oliver J. Wolff (Massive Art Multimedia & Software GmbH). Durch die Diskussion führte Michael Prüller (Stv. Chefredakteur „Die Presse“).

Persönliche Erfahrungen und Strategien

Nach der Begrüßung durch Judith Bauer berichtete Herr Prüller (Stv. Chefredakteur der Presse) über persönliche Erfahrungen mit Social Media (seine Passwörter vergisst er gerne mal) und Phänomene der Kontaktaufnahme durch unbekannte Leute oder SchulfreundInnen. Beinahe 80 % ÖsterreicherInnen nutzen das Internet und ca. 2 Millionen der ÖsterreicherInnen haben ein Facebook-Profil angelegt. Doch was tut oder lässt man in Netzwerken ganz gezielt und wie gehen die PodiumsteilnehmerInnen damit um?

Denkmayr vermeidet es, zu viele private Fotos hochzuladen, verbreitet aber wichtige oder auch lustige Themen gezielt an ihr Netzwerk. Die Digital Relations-Managerin wendet täglich ca. 1,5 h dafür auf. Das Zurverfügungstellen von Inhalten reicht heute nicht mehr, vielmehr werden Vernetzung und Suchmaschinenoptimierung immer wichtiger.

Laut Parycek liegt der Nutzen in beruflicher Hinsicht in neuen Formen der Zusammenarbeit. Parycek nutzt Microblogging auch hauptsächlich beruflich, z. B. zum Auffinden von themenrelevanten Links oder Studien. Twitter hat aber nicht die klassische E-Mail abgelöst, sondern ist ein riesiger Echtzeit Informationsfluss, den wir als die „Nervenbahnen der weltweit vernetzten Gesellschaft“ betrachten können. Bei Jugendlichen hingegen beginnen Status-Updates auf Facebook und direkte Nachrichten über die Netzwerk-Plattformen in der persönlichen Kommunikation bereits den E-Mail-Verkehr mit FreundInnen abzulösen. Die E-Mail selbst wird als formeller Kommunikationskanal betrachtet. Wollf unternahm 2005/2006 seine ersten Gehversuche in Twitter. Damals wurden die Nachrichten noch zusätzlich als SMS verschickt. Die Motivation war damals, mit Familienmitgliedern in Südafrika in Kontakt zu bleiben. Wolff tritt heute weniger als Person, sondern für KundInnen oder als Unternehmen auf. Die Gesundheitsplattform myVitali soll ebenfalls ein Soziales Medium werden.

Wie verändert Social Media unsere Kommunikation und welchen Mehrwert haben Social Networks?

Wolff sieht insbesondere eine Erleichterung der Teilhabe am Leben der anderen, das die Beziehungen unterstützt. Inwieweit leitet dies aber eine neue Qualität von Kommunikation ein? Parycek räumte zum Mehrwert Sozialer Netzwerke ein, dass bisher schwache Kontakte schwer zu managen waren. Aus professioneller Sicht kann man durch Social Media-Dienste mit diesen in Kontakt bleiben. So gelangen beispielsweise die Mehrzahl der Menschen durch schwache Beziehungen (weak ties) zu ihren Jobs.  Prüller stellte die These auf, dass Menschen, die sich nur auf ihre strong ties konzentrieren, weniger innovationsfähig seien. Größere Gruppen können aber enger werden und besser genutzt werden.

„Ahso, URL ist also die Adresse, mit der Sie in Twitter aufscheinen?“ – Microbloggingdienste wie Twitter sind vielen noch unbekannt

Für Denkmayr ist Twitter durch die homogene Gruppe in Österreich ein spezieller Dienst mit einem hohen Anteil an JournalistInnen. Twitter-Präsenz bringt klassische Media-Awareness. Auch ihren jetzigen Geschäftspartner hat sie über Soziale Netzwerke kennen gelernt. Ist der Mehrwert aber oftmals nicht geringer als angenommen? – Für Denkmayr ergibt sich für jedes Individuum ein anderer Benefit, der von alte FreundInnen treffen über eine personalisierte Nachrichtenagentur gehen kann. Für die klassischen Medien zeigt sich das Problem der Konkurrenz von personalisierter Information mehr und mehr.

Ärgernis Facebook am Arbeitsplatz?

1,5 Tage im Monat werden im Schnitt während der Arbeitszeit auf Facebook verbracht. Für Wolff ist der Internetzugang aber ohnehin Mainstream. So wie wir auch vor Zeitschriften und anderen Medien am Arbeitsplatz nicht die Augen verschließen, müsse dies auch im Internet gelten.

Publikumsdiskussion

Vom Publikum wurden einige kritische Hinweise gegeben. So z. B., dass trotz aller positiver Umwälzungen 40 % aller Unternehmen Background-Checking einsetzen und gezielt in Profilen schnüffeln, sofern sie es nicht (wie z. B. die Allianz) explizit in einer Social Media-Policy ausschließen. Sind die Geschichten von Leuten, die wegen Ihrer Aktivitäten auf Sozialen Netzwerken gekündigt werden, nur Urban Legends? (Ein Hinweis am Rande: Nur 35 % der ÖsterreicherInnen geben an, ihren Ruf aktiv zu pflegen, 51% tun dies nicht.) Laut Denkmayr werden derartige Worst Practise-Beispiele oft „zusammengekratzt“. Natürlich recherchieren viele PersonalmanagerInnen trotzdem Profile. Aufträge von Unternehmen nach professionellen „Schnüffelprogrammen“ würden die Social Media-ExpertInnen aber nicht annehmen.

Information und Kontrolle – der/die Einzelne als bewaffnete/r Reporter/in

Unabhängig von Sozialen Netzwerken leben wir in einer zunehmend digitalisierten Welt. Facebook & Co werden als digitale Bassena genutzt, nur mit einem wesentlichen Unterschied, das geschriebene Wort ist im Unterschied zum gesprochenen nicht flüchtig. Die Hürden, die mit den alten (Papier)Archiven genommen werden mussten, fallen durch die Digitalisierung neuerdings teilweise weg. Und zusätzlich ist jede/r heute ein/e bewaffneteR ReporterIn, mit dem digitalem Schweizermesser der Smartphones können Fotos und Videos unmittelbar von jedermann/frau veröffentlicht werden. Der Unterschied liegt laut Parycek im Grad der Öffentlichkeit die sich ausweitet, während die Privatsphäre in einer digitalen Welt abnimmt. Wichtig ist daher eine bessere Aufklärung der Menschen (z. B. in Bezug auf Facebook-Listen, wobei viele Menschen nicht differenzieren). Eine Publikumsmeldung räumte ein, dass Soziale Netzwerke aber gleichzeitig keine Wohltäter sind, immerhin werden KundInneninformationen weiterverkauft. Laut Denkmayr ist Kontrolle über die eigenen Informationen wichtig. Wenn Facebook Daten verkauft, gehe es aber hauptsächlich um solche wie E-Mail-Adressen. Für Wolff scheinen in Sozialen Netzwerken aber insbesondere auch Kompetenzen und Qualifikationen auf. Werden diese mit der Firma vernetzt, hat dies einen absoluten Mehrwert. Momentan befinden wir uns aber erst in der Vorstufe dieser Entwicklungen (siehe z. B. Weblogs, die von verschiedenen MitarbeiterInnen geschrieben werden, wobei jeder Eintrag automatisch mit den Sozialen Netzwerken der MitarbeiterInnen verknüpft ist).

Der Machtfaktor der Netzwerke

Für Denkmayr erleben wir gerade die Gegenbewegungen zum derzeitigen Kommunikationsstandard. KundInnen hängen nicht gerne in Telefonhotlines und oft entlädt sich dieser Kommunikationsfrust im Web 2.0., wobei insgesamt eine Entformalisierung beobachtbar ist. Heute können KundInnen direkt über Blogs oder Twitter ihr Anliegen artikulieren. Aus diesem Grund haben US-amerikanische Unternehmen begonnen sozialen Netzwerke und Medienplattformen ständig zu monitoren, um auf etwaige Unzufriedenheit sofort reagieren zu können. Dazu finden sich bereits zahlreiche Monitoring-Tools wie Radian6. Eines der Best Practice-Beispiele dazu ist JetBlue. Auch das Microbranding von Personen wird sich ausweiten. Parycek wiederum sieht die wahren Potentiale in neuen Formen der Zusammenarbeit und rät im Social Media-Bereich zu einer Orientierung an den  erfolgreichen amerikanischen Unternehmen, wie Dell oder IBM. Authentizität ist wichtig, um nicht von der Crowd „abgestraft“ zu werden. Neue Formen des Crowdsourcings wie z. B. die Dell-Innovationsplattform mit Dell-Community haben bereits Kosten (z. B. die Einsparung von Anrufen im Callcenter) reduziert. Parycek sieht das Problem, dass Unternehmen offener werden müssen, um mit der aktuellen Entwicklung (das Web gibt der Gesellschaft als Gesamtes soviel Macht, wie sie noch nie hatte) mitzuhalten. Staat und Verwaltung müssen sich dem Thema ohnehin stellen, da durch die Erleichterung der Selbstorganisation der Gesellschaft wichtige Institutionen an Einfluss verlieren könnten, falls diese nicht von sich aus neue Kooperationsmodelle suchen.

Augen zu und durch – muss man da mitmachen?

Optimal ist die Verbindung von on/offline. Klarerweise kann man aber noch lange ohne Facebook leben, derzeit ist Social Media aber ein Hype. Social Media-Plattformen werden sich weiterentwickeln (oder sogar zurückentwickeln). Auch das Thema Digital Stalking ist nur in Kombination von off- und online-Elementen gefährlich. Für Denkmayr sind viele Menschen aber eher mit dem Problem konfrontiert, dass sich keineR für sie interssiert, anstatt unter zuviel Stalking zu leiden. Im Unternehmenskontext wird oft nur von Marketing und Reputationsmanagement ausgegangen. Social Media Relations sind aber auch eine CRM-Maßnahme und für Innovationen wichtig.

Demokratische Entwicklungspotenziale

In Österreich haben wir es mit Parteienverdrossenheit und keiner Politikverdrossenheit zu tun. Plattformen von Parteien werden nicht akzeptiert, weil UserInnen kein Vertrauen haben, ihre Meinung frei und offen kundtun zu dürfen. Bei Obama, der über die traditionellen Medien gegen Clinton keine Chance gehabt hätte, zeigte sich die Macht der sozialen Medien beim Vorwahlkampf. Dadurch war auch der Grundstein für den Wahlkampf gegen McCain gelegt. Die sozialen Medien werden somit zur 5 Macht im Staat, die wesentlich schwieriger zu beeinflussen ist, als die 4. Macht der traditionellen Medien. Parycek wagt abschließend daher die Hypothese, dass der Obma Wahlkampf, ähnlich dem Thesenanschlag in Wittenberg, als Meilenstein der 5. Medienrevolution in die Geschichte eingehen könnte. Die schnelle Verbreitung der Thesen Luthers gelang auf Basis der ersten Medienrevolution, dem Buchdruck. Wir (er)leben somit *live *in der/die fünfte/n Medienrevolution.

Abschließend wurden Fragen zu den Themen Sucht in Sozialen Netzwerken und Medienpädagogik (z. B. der Umgang und die Rolle der Eltern) gestellt – und natürlich das Buffet und der Wein aus der Region Krems im Unteren Atrium genossen.


2 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s