re:publica #3 (Tag 2)

Am zweiten Tag lief die Konferenz etwas langsamer an. Ein Schwerpunkt lag ganztägig auf dem Thema Netzneutralität, zu dem eine Serie von Vorträgen stattfand.

Matthias Kröner: Community Banking

Deutschlands jüngster Bankvorstand stellte vor, wie das Web 2.0 im Bankenkontext genutzt werden kann. Gerade da die Zeiten nicht leichter werden und die Kaufkraft abnimmt, sind für ihn mehr Transparenz und die Beschäftigung mit Social Media wichtig. Die Fidor Bank AG versucht ein anderes Bankkonzept umzusezen und Web 2.0 darin zu integrieren. Wichtig ist, bei der Veröffentlichung von Inhalten Ängste abzulegen: Viele seiner KollegInnen im Bankgeschäft hätten beispielsweise Angst zu twittern. Kröner meint, wenn Barack Obama mit jedem Komma eine Lawine auslösen kann, dürfe auch eine deutsche Bank keine Angst haben, sich über Microblogging zu äußern.

Der Mehrwert wird für Banken generiert, wenn man wirklich vielen Leuten folgt. Die Inhalte fließen in die eigene Community und in den Newsblock, weshalb KundInnen den umfassendsten Newsflow geboten bekommen – einen, der sie wirklich betrifft und mit anderen DienstleisterInnen nicht vergleichbar ist. Transparenz ist für Kröner ein Grundthema, letztlich liege aber alles bei den KundInnen und der Frage, ob diese die Chancen des Social Web nutzen wollen.

Marvin Ammori: Free Press and SafeTheInternet.com

The internet is not something that you just dump something on. It’s not a big truck. It is a series of tubes. (John Stewart, Blogger)

Ammori war früher bei Freepress und ist nun Prof. of Law über Netzwerkqualität. Er sprach über die Netzwerkneutralität-Bewegung in den USA. SaveTheInternet.com hat in den USA nicht nur sehr viele Blogger motiviert, sich in die Auseinandersetzung rund um ein offenes Internet einzumischen, sie hatten damit auch großen Erfolg. Ammori strich heraus, dass die Idee hinter „Free Press“ immer eine Bewegung war, die an die „Civil Rights“-Movements anknüpft. Eine Person, die die Netzneutralität schon sehr früh unterstützte, ist Barack Obama.

Das Internet änderte nun die Organisations- und Vernetzungsmöglichkeiten für diese Bewegungen. Was ist das Internet? Ist es ein Telefonnetzwerk oder einfach ein Zugang? Wenn es z. B. wie Twitter funktioniert, kann es nicht reguliert werden, ein Telefonnetzwerk jedoch schon. In den USA hört man oft 2 Argumente, warum Netzneutralität nicht zu unterstützen sei: Entweder, weil die Wirtschaft bereits so schlecht ist, oder, alternativ, weil sie eben gerade so gut ist. Viele Netze würden außerdem aus Marktgründen künstlich beschränkt.

Ammori sprach über Metaphern im Internet, wie beispielsweise das der „Congestion“ und „Capacity“ und die Bewegung aus 2006: „SafeTheInternet“. Wenn es um den Schutz des Internets geht, vertreten die christliche Koalition und „MoveOn“-Bewegung dieselbe Position. Außerdem wurden Phänomene zur Struktur des Netzes angeschnitten und ein Einblick in amerikanische Rechtdiskurse gegeben.

Diskussion: Netzneutralität in Deutschland (Constanze Kurz, Falk Lüke, Cara Schwarz-Schilling, Thorsten Schilling)

Netzneutralität ist ein sehr technisches Phänomen und wurde um einige Begriffe erweitert, beispielsweise die der Transparenz und Diskriminierung (wobei man bei letzterer oft keine klare Übereinkunft hat, was man darunter versteht). In Deutschland gab es beispielsweise eine Diskussion, als Skype auf einigen Mobilfunknetzbetreibern blockiert wurde. Ein Anbieter blockiert nach wie vor. Die Diskussion über Netzneutralität kommt immer mehr an die Oberfläche. Kern der Debatte ist die Frage: Was ist eigentlich Internet und was bekomme ich dort aus Verbrauchersicht? Habe ich z.B. auf einem mobilen Endgerät ein Internet? Diese Frage dreht sich nicht nur um den Mobilfunk, sondern Festnetzanschlüsse jeglicher Form. Die Problematik lautet, ob man den Begriff Internet dem Markt überlässt: Darf jemand noch ein Internet anbieten, wenn es sich dabei nur um einen eingeschränkten Dienst handelt?

Wenn Qualität differenzierbar ist, entsteht ein Anreiz zur Zahlungsbereitschaft. Die Möglichkeit der Einführung einer Mindestqualität ist daher sehr wirkungsvoll. Ein Problem ist jedoch, die VerbraucherInnen für die verschiedenen Angebote zu sensibilisieren. Druck muss aber von einer Regulierungsbehörde kommen. Eine Publikumsmeldung betonte, dass Netze bereitzustellen eine öffentliche Aufgabe und nicht eine Aufgabe des Marktes ist. Obwohl sich das vorhandene Publikum mutmaßlich intensiv mit der Thematik auseinandersetzt, war nur wenigen bekannt, ob sein/ihr Provider drosselt oder nicht. Für einen Besucher sind Informationen des Providers über Drosselung und Transparenz für KundInnen ein Ansatz. Aus der Rolle des Providers können sich so neue Geschäftsmodelle ergeben, wobei die Innovationskraft von Netzen aber oft schwer zu dokumentieren ist.

Notwendig ist eine stärkere politische Diskussion der Netzneutralität (ein politisches Modethema ist z.B. der Bau von Breitbandnetzen). Momentan ist ein massiver Angriff auf Kommunikationskanalnetze zu beobachten. Kritisiert wurde v.a., dass das Netz nur als Distributionskanal konstruiert wird und nicht im Interese der VerbraucherInnen, sondern der Konzerne reguliert wird. Hier wiederhole sich die Geschichte des Rundfunks, weshalb Netze gefordert werden, die für alle gleich sind. NutzerInnen fordern auch immer mehr Daten, weshalb das Netz ausgebaut werden muss, damit diese Ansprüche gehalten werden können. Angestoßen wird gerade eine Universaldebatte, die Breitband als Anspruch des/der BürgerIn ansieht.

Daniel Kulla: Entschwörungstheorie

Von Conspiracy-Theorien bis zu Geheimhaltungsmechanismen in Amerika reicht die Bandbreite der Verschwörungstheorien. Ob Mythos oder Realität kann nicht an der Größe der Theorien abgelesen werden. Warum Entschwörung? Kulla stellte gleich zu Beginn fest, dass es ihm nicht darum geht, diese Theorien auszumerzen oder zu widerlegen. Phasen der Verschwörungsdenkens sind die Motivsuche, der Ersatz von Beweisen durch Verdächtigungen und die Erklärung politisch relevanter Dinge durch die Theorie. In der Extremform geht man immer von der gleichen Verschwörung aus (sog. Zentralsteuerungsthese).

Im typischen Verschwörungsdenken der Netzdynamiker ist die Verschwörung eine der VerliererInnen. Gemeinsam ist allen das Weglenken des Blicks von der eigenen Verantwortung hin zu Schuldigen. Im Zuge der Essentialisierung werden die Eigenschaften des eigenen Kollektivs idealisiert (das von außen angegriffen wird).

Kulla nannte als Beispiel für Idealsetzungen die Open Government-Bewegung in Deutschland. Bei der Forderung, dass eine Gesellschaft offene Daten braucht, wird diese Gesellschaftsform idealisiert, so als ob eine bestehende Herrschaftsform dadurch verschwinden würde. Machthabende haben aber weiter noch die Macht, mit dem Unterschied, dass sie dabei beobachtet werden. Ebenfalls problematisiert wurde eine „Propaganda der Transparenz“, bei der die eigene Postion als die der „Guten“ angesehen wird.

Bernd Lieferts: Haha, ich lachte, Bernd! Notizen über ein großes deutsches Imageboard

Ein Vortrag über eine kritische deutsche Internetplattform mit vier zentralen Fragen: 1. Was ist ein Bildbrett? 2. Welche Kulturmechanismen finden statt? 3. Wer ist dieser Bernd? 4. Wo ist überhaupt der Mehrwert?

Ob die Präsentation eher einer Kunstperformance oder einem Vortrag mit Infoflash-Charakter zuzurechnen war, bleibt fraglich. Egal. Wir wissen jetzt Bescheid über Ventile der Anonymisierung, Inhaltskürzel und digitale Domians, memetische Mutationen, Key Trolls, Stalkertum und Mausmalerei. Und das ist doch eine ganze Menge.

Luca Hammer: #unibrennt. Ziviler Ungehorsam und Social Web

Luca Hammer sieht den Anfang der Bewegung 1997 und 1999 mit der Ausweitung der Bologna-Erkärung. Er zeichnete den Beginn der Bewegung nach: Am 20.10.2009 sollte an der Akademie der bildenden Künster das Bachelor/Master-System eingeführt werden, worauf sich Studierende und Lernende der Akademie zusammentaten.

Die Besetzung des Audimax selbst ging relativ spontan vonstatten, indem sie einfach beschlossen wurde, was sich am selben Tag noch verbreitet hat. Hammer wurde über Twitter darauf aufmerksam, fand eine rege Diskussion vor und begann mit einem Livestream. In Visualisierungen von Tweets (durch Nachverfolgen des Hashtags #unibrennt durch Max Kossatz und Gerald Bäck) kann die Verbreitung dargestellt werden.

Auch bei Twitter kann wie bei Zeitungen die Reichweite gemessen werden, für #unibrennt kommt man insgesamt auf eine theoretische Reichweite von 21.425.836 UserInnen. Für den Stream konnten 3.000 parallele Zuschauer gemessen werden. Das Videoarchiv beinhaltet 150+ Videos und ist offen zugänglich. Die gesamte Website ging innerhalb einer Nacht online, wobei einige Serverwechsel notwendig waren und auch die Frage der Werbung aufkam.

Die Proteste haben gezeigt, dass eine Organisation basisdemokratisch und offen in diesem Rahmen funktionieren kann, auch bildeten sich schnell selbst organisierte Arbeitsgruppen. Hammer schloss seinen Vortrag mit: „Diese Bühne ist besetzt.“

Ende Tag 2

Am Abend standen zum Ausklang ein Konzert der Sängerin Alin Coen oder ein Laberflashmob auf dem Programm.

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