re:publica #2 (Tag 1)

In der Kalkscheune fanden parallel Workshops und Vorträge statt. Das Highlight von vielen an diesem Tag: Der Vortrag von Professor Peter Kruse über Netzwerke.

Marcel Weiss: Zweíseitige Märkte. Die ökonomische Theorie hinter Twitter, Facebook und Co.

In diesem Workshop ging es hauptsächlich um die Charakteristika von zweiseitigen Märkten und Beispiele aus den Bereichen Netzwerken, Wirtschaft und Social Media. Zweiseitige Märkte weisen auch zweiseitige, indirekte Netzwerkeffekte auf, der Nutzen für ein Mitglied steigt demnach mit mehreren Mitgliedern an, solange alle anderen Umstände gleich bleiben. Indirekte Netzwerkeffekte gibt es beispielsweise bei Programmen für Windows (größerer Gesamtnutzen durch mehr Auswahl). In erfolgreichen zweiseitigen Märkten internalisieren Plattformprovider die Externitäten. Beispiele für zweiseitige Märkte im Internet sind Plattformen mit APIs, die meisten Social Media-Dienste sowie jeder werbefinanzierte Dienst. (Ein Beispiel aus dem Bereich Social Media wäre Twitter mit den Anbietern von Twitterclients).

Weiss erklärte den Begriff des Multihomings, der den parallelen Einsatz mehrere Plattformen meint (z. B. Twitter in Facebook integriert, offene Standards) und sprach außerdem über Preisstrategien in Sozialen Netzwerken (z. B. bewusstes defizitäres Verkaufen im Sinne des „Lossleader“-Modells, wie es von Microsoft bei der Xbox jahrelang praktiziert wurde) und die unterschiedlichen Startegien on Xing und LinkedIn (LinkedIn bietet allgemein mehr Anreize für basisregistrierte UserInnen, weshalb die Xing-Basisaccounts weniger Attraktivität für Headhunter haben).

Udo Vetter: Spielregeln für den zweiten Lebensraum

Vetters Vortrag bot ein kleines Rechts-ABC für Blogs, Foren und soziale Netzwerke. Insbesondere im Bereich Urheberrecht ist das Thema noch eine Grauzone, beispielsweise, was das Impressum auf Sozialen Netzwerken betrifft. Wenn es mehr und mehr Blogs mit qualitativ hochwertigem Inhalt gibt und diese kompetent eingeschätzt werden, führt dies zu rechtlichen Unsicherheiten, wenn Inhalte kopiert werden oder Tatsachenbehauptungen aufgestellt werden, die nicht bewiesen werden können. Vetter rät, statt Tatsachenbehauptungen Meinungsäußerungen ins Netz zu stellen, wenn man jene Tatsache nicht beweisen kann. Gleichzeitig hilft es aber auch nicht, eine Tatsache einfach als Meinungsäußerung zu formulieren („Ich habe gehört, dass…“).

Ein Problem für Blogger ist auch der Umgang mit Kommentaren. Sobald ein Kommentar bekannt ist, ist man auch rechtlich haftbar, und im Zweifel müssen auch solche Aussagen bewiesen werden.

Die Meinungsfreiheit wird aber gleichzeitig vom Bundesverfassungsgericht wieder betont. Vorsicht ist aber geboten bei Lebensgeschichten und Aussagen über Dritten. Facebook und kleine Freundeskreise in Social Networks stellen rechtlich eine Grauzone dar und werden ähnlich wie bei Privatkopien abgehandelt.

David Sasaki: Does Information and Transparency lead to Government Accountability?

Der Vortrag thematisierte Projekte aus dem Bereich „Technology for transparency“ in einer internationalen Perspektive. Sasaki gab im Wesentlichen einen kurzen Überblick über folgende Projekte.

Cidade Democrática – UserInnen können Beschwerden, Vorschläge und Strategien einbringen.

ikshi.com

mzendo – eye on kenyan parliament

vofa inteligente

guatemala visible

vote report philippines 2010

recovery.gov – track the money

eye on the stimulus

kenia – budget tracking tool

voice of Kibera

Sasaki stellte fest, dass die besten Projekte Partizipation fördern, anstatt auf der reinen Problemebene zu verharren und Skeptizismus und Misstrauen fördern. Die Information ist vorhanden, muss aber oft erst in den richtigen Kontext gestellt werden.

Peter Kruse. What’s next. Wie die Netzwerke Wirtschaft und Gesellschaft revolutionieren

Der Digitale Glaubenskrieg findet unter ExpertInnen statt.

Ihr werdet euch noch wünschen, wir wären politikverdrossen. (Max Winde)

Bist du nicht willig, so brauche ich Geduld.

Der beeindruckende Vortrag von Prof. Kruse stellte den Kampf um kulturelle Werte in den Mittelpunkt: Warum polarisiert das Internet die Gesellschaft? Eine Frage, die nach seinen Ausführungen plötzlich sonnenklar erschien. Die von ihn vorgestellte Untersuchung zeigte, das Internetbewertung auf der Basis von Werten als Glaubensfrage ausgehandelt zu werden scheint. Die Schärfe des Disputs pro und contra Internet ist für ihn ein Indikator für die Existenz unzureichend reflektierter Wertedifferenzen (die er auch in grafischer Darstellung präsentierte). Besonders beeindruckend: von den 191 befragten Heavy Usern (Methode des Paarvergleichs mit prodzierenden Matritzen) zeigten sich zwei klare Gruppen, die Kruse Digital Residents und Digital Visitors nennt. Die Muster konnten in semantische Räume übersetzt werden und Wertewelten somit sichtbar gemacht werden. Die zwei Gruppen unterscheiden sich hinsichtlich des Einzugs mit der eigenen Identität in die Netzlandschaft.

3.000 Begrifflichkeiten wurden zu 78 Themenclustern zusammengefasst (z B. Stabilität v.s. Dynamik). Die Conclusio: Wo man mit Menschen zusammen ist, die ein Produkt gleich einschätzen, aber anders bewerten, muss es zu Diskrepanzen kommen. (Beispiel: „Ich habe einen Freund im Internet“ – „Es gibt keine Freunde im Internet!“). Die Digital Residents haben nun Kontakte im Internet, sind aber „in real“ gleich aktiv. Digital Visitors scheinen über die Wichtigkeit des Netzes Bescheid zu wissen, die neuen Muster aber nicht zu übernehmen, der Diskurs muss also von Anstrengung geprägt sein. Für die Resident bekam das Netz mit der Entwicklung des Social Web eine extrem positive Bewertung. Wenn wir mit unserem Bewertungsmuster auf andere zugehen, muss uns aber bewusst sein, dass dies nur einen Teil der Welt meint. Residents sehen im Social Web einen Riesennutzen, Visitors eher eine Gefahr.

Für Kruse zeigt sich hier ein Glaubenskrieg. Die Verbindung von Faktenkonsens und Inkompatibilität der Bewertungsebene führt zwangsläufig zu kaum lösbaren Konfliktsituationen. Blickt man auf die untersuchten UserInnen, findet dieser Krieg aber unter ExpertInnen statt und ist keine Frage der Jugend, sondern ein Phänomen innerhalb eines Kulturraumes, der die gesamte Gesellschaft betrifft.

Kruses Thesen aus der Netzwerktheorie: Veränderungen sind systembedingt, die Eigendynamik ist daher nicht mehr unterbindbar, außer man schaltet das gesamte System ab. Die Social Software des Web 2.0 ist ein Angriff auf die etablierten Regeln der Macht und erzwingt ein grundlegendes Umdenken. Eine Verschiebung der Machtverhältnisse ist nicht aufzuhalten und ist alleine schon aus systemtheoretischer Perspektive gegeben. Das Netzwerk sucht heute uns und wird zu einem Handlugsmotiv (Trivialbeispiel Flashmob). Die eigentliche Veränderung dieser Machtverschiebungen beginnt gerade erst, das Internet kann aber zu einer Erhöhung des Selbstbewusstseins und einer Repolitisierung führen. Wenn Politik sich aber nicht in die Netzwerke einbringt, wird sie nie verstehen, was gerade stattfindet.

Kruse erwähnte auch das Beispiel Unibrennt. Hier habe man verstanden, dass Hierarchie und Netzwerk kein Widerspruch, sondern eine unterschiedliche Betrachtungsweise desselben Systems ist. Die „Lawine“ der Veränderungen donnert aber bereits zu Tal, eine Überzeugungsarbeit ist eigentlich nicht notwendig.

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