Leistungsgesellschaft vs. Geschenkökonomie

Bei einer Podiumsdiskussion der Wirtschaftspolitischen Akademie der WU am 25.3.2010 diskutierten VertreterInnen aus Presse und Gewerkschaft über sich ändernde Paradigmata der Informations- und Leistungsgesellschaft. Unter dem Titel „Wieder was geschafft? Mythos Leistung und Glück“ waren insbesondere jene Faktoren von Leistung Thema, die im Zusammenhang mit der Produktivität des Einzelnen gesellschaftlichen Mehrwert generieren.



Es diskutierten Dr. Barbara Kolm-Lamprechter (Generalsekretärin des Hayek-Instituts), Robert Misik (Schriftsteller, Staatspreis für Kulturpublizistik 2008) und Dr. Dwora Stein (Bundesgeschäftsführerin der Gewerkschaft der Privatangestellten Druck-Journalismus-Papier). Durch die Diskussion führte Mag. Karin Bauer (Leiterin des Karriereteils bei DerStandard).

Der gesellschaftliche Beitrag von Arbeit

Kernthema war die Definition und Hinterfragung des Begriffes der Leistung, der in der öffentlichen Diskussion oft selbstverständlich angewandt wird. Gegenwärtig findet ein Paradigmenwechsel statt: Während früher Leistung oft an einseitigen Ergebnissen und der Macht von Einzelnen gemessen wurde, steht heute der Mehrwert von Arbeit für die Gemeinschaft im Mittelpunkt. So misst eine Studie der britischen New Economic Foundation den gesellschaftlichen Beitrag von Berufsgruppen und kalkuliert den realen Wert einer Profession für die Gesellschaft. Der Report verfolgt somit einen anderen Ansatz zur Bewertung von Arbeit, der in Zukunft mehr und mehr Bedeutung erlangen wird.

Weiterkommen durch Leistung?

Gleichzeitig stellten die TeilnehmerInnen eine steigende Ökonomisierung der Beziehungen sowie der Netzwerke von Individuen fest. Damit einher geht der Befund, dass immer weniger ÖsterreicherInnen an ein Weiterkommen durch Leistung glauben: Während 1987 noch 46 % von dieser Gleichung überzeugt waren, sind es aktuell nur mehr 24 %. Dies deutet jedoch nicht automatisch auf eine sinkende Arbeitsmoral hin. Vielmehr ändert sich die Auffassung, wie Wohlstand erreicht werden kann. Dieser gesellschaftliche Wandel kann sowohl auf wirtschaftliche als auch auf technische Entwicklungen zurückgeführt werden. Insbesondere die heranwachsende Generation stellt neue Anforderungen an Beruf und Freizeit und stellt das Ideal der Leistung immer weniger vornean. Als Generation der MultitaskerInnen stehen für diese Gruppe vielmehr eine ausgeglichene „Work-Life-Balance“, Flexibilität, Unabhängigkeit von Zeit und Ort und Selbstverwirklichung im Zentrum.

Nehmen statt Geben

Damit im Zusammenhang stehen auch die Theorien der „gift economy“ bzw. Geschenkökonomie in der Wissensgesellschaft. Das Geben und Nehmen von Informationen im Netz wird beispielsweise selten in Frage gestellt. BenutzerInnen tragen heute durch die Hinzufügung der eigenen Präsenz zum kollektiven Wissen bei, das jedem/jeder, der/die online ist, zur Verfügung steht. Damit bekommt jedeR Einzelne mehr zurück, als er selbst geben kann.

Die Gesellschaft ist nun gefordert, neue Strategien im Hinblick auf den sich verändernden Leistungs- und Konsumbegriff zu erarbeiten. Das könnte einerseits bedeuten, dass auch Leute mit weniger Einkommen zum Konsum befähigt werden. Zum anderen ist Arbeit heute mehr denn je in einem gesellschaftlichen Kontext mit Blick auf das Gemeinwohl zu sehen, was gerade in Zeiten der Krise und im Hinblick auf den Grenznutzen des Geldes eine Alternative zu Konkurrenzdenken und dem Betonen eines Leistungsdefizits darstellen könnte.

4 Kommentare

  1. 3 Antithesen:

    @“Der gesellschaftliche Beitrag von Arbeit“: Dass der Mehrwert von Arbeit für die Gesellschaft im Mittelpunkt steht ist in meiner Wahrnehmung nicht so. Ich sehe höchstens erste Ansätze in der Westlichen Welt diesen Mehrwert zu suchen; in anderen Kulturen sind solche Ansätze wesentlich tiefer verankert (-> Gross National Happiness).

    @“Weiterkommen durch Leistung?“: Ohne die genaue Fragestellung („Weiterkommen“?!) der zitierten Statistik zu kennen; Ockhams Razor sagt, dass die Meinung, dass man durch Leistung nicht weiterkommt wohl eher darin zu sehen ist, dass man derzeit anscheinend ohne Leistung besser weiterkommt (Bonuszahlungen für Manager die Verluste einfahren) als dass „Weiterkommen“ als von (traditioneller, wirtschaftlicher) Leistung unabhängig gesehen wird. Zynisch? Ja, aber imho die einfachere Erklärung.

    @“Nehmen statt Geben“: Stimmt schon, aber nur unter der Prämisse, dass man Gewinn als nicht-monetär definiert. Ganz traditionell betrachtet bedeutet crowdsourcing, dass Unternehmen Arbeitsleistung unentgeltlich zur Verfügung gestellt bekommen. Aber damit Spiele ich zugegebenermassen jetzt schon den Advocatus Diaboli – ich mag Wikipedia und Facebook ja auch😉

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  2. Hey Markus,
    danke für die Anmerkungen!
    @1: stimme dir zu, dass hier eigentlich erst erste Ansätze zu finden sind. Was für uns wie ein großer Paradigmenwechsel scheint, stellt sich, wenn man über die eigenen kulturellen Grenzen schaut, klarerweise noch einmal anders dar. Du bist da besserer Experte als ich, aber Bruttosozialglück statt Bruttosozialprodukt, da ist es ja nicht nur der Wortklang, der hier bessere Assoziationen schafft🙂 Aber danke, so bin ich nun auch auf „participatory development“ in Bhutan gestoßen.
    @2: Die genaue Fragestellung der Statistik wurde von den PodiumsteilnehmerInnen leider nicht genau genannt (auch herrschte Uneinigkeit, Frau Stein äußerte wohl auch Bedenken zu deren Entstehung), aber im Sinne Ockham Razor wurde es auch diskutiert (+ Verstärkung in Krisenzeiten etc.)
    @3: good point. Vielleicht schreiben wir nochmal was drüber.

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  3. @3: Ich finde es ja immer spannend, wenn das Virtuelle auf das Reale prallt – Geld ist da ein interessanter Fokus. Wo muss man die Millionen versteuern, die man in SL verdient; am Wohnort, am Standort des Servers, am Gerichtsstandort des Unternehmens? Und sind die Kosten für den Zugang dann einfach Freizeitausgaben oder doch Investitionen?

    Interessant vielleicht auch die Frage was passiert wenn eine Gesellschaft den nicht-monetären Wert höher bewertet als den monetären. Würde Facebook zwangsverstaatlicht werden (können) wenn die Betreiber sich – so unwahrscheinlich das ist – entschließen einfach aufzuhören? Und inwiefern kann der rechtliche Besitzer frei entscheiden wie er sein Geld einsetzt? Die Nutzer tragen ja wesentlich zum Wert bei und wie man sieht (User Abstimmungen) erringen sie dabei auch nicht unwesentlich Einfluss – ob der Einfluss aber dem Beitrag entspricht, also auch quantitativ angemessen ist, ist eine andere Frage. In traditionellen Wirtschaftsformen stimmt der Nutzer mit der Brieftasche ab, aber wie ist das im Zusammenang mit Social Networking und Crowdsourcing?

    Interessantes Arbeitsfeld hast du da gefunden…🙂

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