Medienkompetenz: Web 2.0 im Unterricht

Am 13. 2. 2010 fand in der Österreichischen Computer Gesellschaft (OCG) ein Workshop zum Thema Medienkompetenz 2.0 für VermittlerInnen statt. Dr. Richard Heigl von der „Hallo Welt“-Medienwerkstatt aus Regensburg konzipierte die Weiterbildung.

Der Fokus lag auf der inhaltlichen Auseinandersetzung mit dem social web sowie den konkreten Möglichkeiten, Internetdienste im Unterricht einzusetzen. Durch die Anknüpfung an die Lebenswelt der SchülerInnen soll die Motivation gesteigert werden und Internetkompetenzen gefördert werden. Soweit die Theorie. Im Workshop wurden diese Möglichkeiten aus einer praktischen Perspektive und der Sicht von PädagogInnen vorgestellt und diskutiert. Platz war auch für problematische Aspekte und Kritik.

Ein erweiterter Medienkompetenz-Begriff

Der Bedarf an Medientraining, der aus dem komplexeren Umgang mit Massenmedien und dem Internet entsteht, wird in den Schulen zunehmend erkannt. Oft scheitert der Computerunterricht aber daran, Lernende durch die riesigen Dimensionen des Webs zu geleiten. Die SchülerInnen können sich kein Bild von der sozialen Struktur des Internets machen oder den Wert von Informationsquellen feststellen. Internetkompetenz als Fähigkeit, dieses Medium bewusst und gemäß der eigenen Bedürfnisse zu verwenden, müsste um den Aspekt der Mediendemokratie erweitert werden. Durch die zunehmende Fokussierung auf Interaktivität und die Entstehung sozialer Netzwerke sind soziale Kompetenzen zur Teilnahme an Communities notwendig. Je größer die Freiheit ist, eigenständig Dinge zu verändern (Beispiel Wikis), desto größer ist der Bedarf an Selbstorganisation und der gemeinsamen Erarbeitung von Regeln.

Anwendungsbeispiele

Wikis sind hervorragend geeignet, um mehrere Aspekte von Internet- und Medienkompetenz zu bedienen. Fast alle Phänomene des Internets sind darin vertreten. Beispiele für den Einsatz des Web 2.0 in der Schule sind die Bildung von Schulcommunities und Schulwikis, Linksammlungen, Erlebnisberichte (event. Videoblog), die Erstellung eines Klassenlexikons oder Jahrgangsprofils, FAQs und Ideensammlungen oder Klassentagebücher. Meist werden diese Aktivitäten im Rahmen von Projektarbeiten geführt. Dabei sollte man auch die Gefahr des Scheiterns bedenken: Trotz der großen Motivation der OrganisatorInnen funktionieren einige Schulwikis nicht. Als Lehrerin hat man nicht immer direkten Einfluss auf diese Gründe. PädagogInnen sollten sich im Kontext von social networks und Web 2.0 außerdem als Coaches begreifen.

Probleme aus der Praxis

Im LehrerInnenalltag wird die Umsetzung von Web 2.0-Ideen durch rechtliche Problemstellungen und Ressourcenfragen erschwert. Aber auch im allgemeinen Unterricht sehen sich viele hinsichtlich einer Richtlinie im Umgang mit den neuen Medien und sozialen Netzwerken überfordert und unzureichend unterstützt. Wie ist beispielsweise mit der durchgehenden Präsenz von sozialen Netzwerken, die von vielen LehrerInnen als Störung wahrgenommen wird, umzugehen? Oft wird die Sperrung von Netlog oder Facebook an einer Schule diskutiert und in vielen Fällen auch umgesetzt, obwohl – oder gerade weil – das notwendig Hintergrundwissen über neue Internetphänomene fehlt. Ein Ergebnis des Seminars war, dass die TeilnehmerInnen die Sperrung von facebook und Co. an ihrer Schule wieder rückgängig machen wollen.

Ein Umdenken hinsichtlich der eigenen LehrerInnen-Rolle bzw. Hierarchien kann ein erster Schritt sein. Es bedeutet dann keine unmittelbare Abgabe von Kontrolle, sich als LehrerIn in die Rolle von Lernenden zu begeben und Inhalte gemeinsam mit den SchülerInnen zu erarbeiten. Oft ist es aber gerade die Angst vor einer Kontrollabgabe, die Projekte wie Wikis für Schulen im Keim erstickt: Ein Großteil der LehrerInnen ist nach wie vor der Überzeugung, dass sich ohne redaktionelle Vorab-Kontrolle in der Gruppe keine sinnvollen Inhalte produzieren ließen. Die Freischaltung von Inhalten wird zudem dadurch erschwert, dass für die intensive redaktionelle Betreuung keine Ressourcen innerhalb der Schule vorhanden sind. Ähnlich wie bei manchen Schulwebsites, die von einigen Lehrenden in ihrer Freizeit erstellt und zusätzlich abgegolten werden, werden Web 2.0-Projekte oft nur von einigen wenigen engagierten PädagogInnen getragen.

Interkulturelle Herausforderungen

Auch hinsichtlich der Veröffentlichung von Inhalten im Web (z. B. im Zuge einer mit Wikis generierten Schülerzeitung) ergeben sich in der Praxis rechtliche Herausforderungen, z. B., wenn diese Veröffentlichung von einigen SchülerInnen mit Migrationshintergrund und deren Eltern nicht gewünscht wird oder die rechtliche Verantwortung der Blogs für LehrerInnen eine Belastung darstellt. Eine allumfassende Förderung der SchülerInnen (Stichwort e-inclusion) wird dann erschwert, da Inhalte dann nur intern veröffentlicht werden können – was sich wiederum auf die Motivation der SchülerInnen auswirkt. Denn wirklich motivierend wirken meist Projekte, die Realitätsbezug haben und ein Bewusstsein für die Öffentlichkeit der Inhalte wecken. Sie bieten die Chance, aus der Schule herauszugehen und Produziertes auch für andere sichtbar zu machen.

Kompetenzen signalisieren

Wer die neuen Kommunikationstools und Internet-Dienste im Schulkontext nutzen möchte, muss sich mit den aktuellen Entwicklungen auseinandersetzen. Die Präsenz der Erwachsenen beim Thema Internet ist wichtig, da man die jüngere Generation damit nicht alleine lassen sollte. Aufgrund der distanzierten und skeptischen Haltung, die in einigen Schulen vorherrscht, ist es hilfreich, unter den KollegInnen Allianzen zu bilden, um Projektarbeiten voranzutreiben. LehrerInnen sollten die AkteurInnen im Netz kennen und Interesse signalisieren. Phänomene wie Cybermobbing oder Happy Slapping sind keine übertriebenen Probleme, sondern aus der Realität bekannt – gerade hier benötigen Jugendliche kompetente AnsprechpartnerInnen und Unterstützung.

Die Folien des Workshops auf Slideshare

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